Wie der Name der Blutstraße in Rostock entstanden sein soll.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 2
Autor: Von A. C. F. Krohn zu Penzlin, Erscheinungsjahr: 1862
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Rostock, Blutstraße, Warenträger
Wie manche Orte die Entstehung ihres Namens irgend einer merkwürdigen Begebenheit verdanken, die dort sich ereignete, so ist es auch mit der Straße in Rostock, die vom neuen Markte nach dem Hopfenmarkte führt, der Blutstraße. Solche Beilegungen von Namen gleichen etwa der Aufrichtung von Denkmälern, die teils ja bestimmt, das Andenken an berühmte, um das Gemeinwohl besonders verdiente Männer recht frisch zu erhalten, teils auch den nachkommenden Geschlechtern immer und immer wieder die großen Taten der Väter ins Gedächtnis zurückzurufen. — Wir wollen nun aber hören, was uns die Sage über den Ursprung des Namens der Blutstraße Merkwürdiges berichtet:

Es ist schon lange her, so erzählt die Sage, da belagerten einmal die Kaiserlichen die gute Stadt Rostock.*) Diese war dazumal eine ziemlich starke Festung; und umher, soweit die Warnow nicht reichte, war sie durch hohe Wälle mit tiefen Wallgräben, durch Mauern und Türme geschützt. Von den vier mächtigen Bastionen, sowie von den Wällen starrten viele Feuerschlünde, die den Stürmenden Tod und Verderben drohten; und der Mut der tapferen Bürger war auch keine schlechte Wehr. Wochenlang hatte auch schon der Feind vergebens die Kraft seiner Geschütze an den festen Mauern erprobt, und schon mancher Sturmlauf war unternommen; aber die Wachsamkeit und der beharrliche Mut der Bürger hatten alle Anschläge und Unternehmungen des Söldnerheeres vereitelt, und die Mauern wollten ebenso wenig den Kugeln derselben weichen; denn was man am Tage einschoss, wurde während der Nacht in aller Stille wieder aufgemauert.

Den kaiserlichen Truppen, Gemeinen wie Anführern, verging schier der Mut, länger mit dem Kopfe gegen die Wand zu rennen; und viele der Obersten rieten, man solle doch lieber unverrichteter Sache abziehen, als noch länger so nutzlos Munition und Leute opfern und also lassen, was doch nicht zu nehmen. Die Mehrzahl schien auch geneigt, hierauf einzugehen; da machte Einer den Vorschlag, man möge doch versuchen, sich nach der Stadt durchzumienen, vielleicht gelänge das, dann könne man ja bei Nachtzeit durch diesen Gang in die Stadt einbrechen und zugleich stürmen, und sie so unversehens überrumpeln. Das leuchtete Allen ein; und da in des Kaisers Heer sich viele gute Mineurs und Bergleute befanden, die sich auf das Geschäft des Maulwurfs vortrefflich verstanden, so schritt man gleich rüstig ans Werk.

*) Vielleicht während des dreißigjährigen Krieges, wo Rostock 1629 von den Kaiserlichen belagert wurde? Der Herausg.

Die Marienkirche hatte man zum Ausgangspunkt bestimmt und zwar sollte der Minen-Gang in derselben münden. Damit man aber ja nicht Richtung und Ziel verfehle, so wurden vorher erst die genauesten Beobachtungen und Berechnungen angestellt.

Doch irren ist menschlich. So erging es auch den lieben Leuten des Kaisers. Die Richtung hatten sie zwar ganz genau inne gehalten, aber im Ziele hatten sie sich doch verrechnet.

Unausgesetzt, Tag und Nacht, hatte man an dem Werke gearbeitet. Um bei den Belagerten keinen Argwohn zu erwecken, unternahm man dann und wann Scheinangriffe. — Endlich glaubte man sich dem Ziele nahe. Wie das aber gewöhnlich zu geschehen pflegt, so wurde man auch hier eifriger und sicherer, je mehr die Arbeit sich ihrem Ende nahte. An ein Misslingen dachte Niemand; dazu waren ja die Berechnungen zu genau und zu richtig, und darum beobachtete mau zuletzt kaum noch die allernötigste Vorsicht.

Wiederum hatte man die ganze Nacht gearbeitet. Der Gang war fertig. Es galt nur noch eine verhältnismäßig geringe Erdschicht wegzuschaffen und die etwa oben aufliegenden Steine wegzunehmen, dann befand man sich mitten in der so lange vergeblich belagerten Stadt und konnte, nach leichter Mühe und Arbeit, endlich Ersatz finden, für die langen Entbehrungen und Beschwerden des Lagerlebens. Das Herz der rohen Soldaten jubelte beim Gedanken an die nahe gewinnreiche Plünderung; nur mit Mühe hielt man den lauten Ausbruch zurück.

Es war früh Morgens, als die letzten Arbeiter aus dem unterirdischen Gange zurückkehrten. Bis Mittag wurde gerastet. Dann, als man erwarten durfte, dass kein Gottesdienst in der Kirche stattfinden würde, wurde eine neue Abteilung hineinbeordert. Diese sollte die letzte Hand ans Werk legen, nach beendeter Arbeit die Öffnung einstweilen wieder mit den Steinen verdecken, und in aller Stille zurückkehren. „In der nächsten Nacht”, so wurde bestimmt, „soll dann ein Haufe durch den Gang in die Stadt einbrechen, indes wir Übrigen stürmen, damit wir sie so überrumpeln und ihr alles Unheil vergelten." Aber der Herr gedachte es gar viel anders; Er machte ihren Anschlag zu Nichte.

Wie schon gemeldet, hatten die Rechenmeister im Belagerungsheere, was die Entfernung betrifft, sich denn doch nicht wenig geirrt. So geschah es, das die Erdwühler nicht im Innern der Marienkirche, wie sie gewollt, sondern auf offener Straße, an der Ecke der Faulengrube und der heutigen Blutstraße, der Heiligengeist-Kirche gegenüber, wieder an die Oberwelt gelangten.

Vielleicht wäre es den guten Leuten gelungen, sich unbemerkt wieder ins Dunkle zu verziehen; denn es war gerade Mittagszeit und Alles auf den Straßen still, weil die meisten Einwohner beim Mittagsbrote saßen, oder ein süßes Schläfchen hielten und Keiner an die drohende Gefahr dachte. Aber sie sollten nicht so ganz mit heiler Haut davon kommen; denn der Herr fügte es so, dass gerade in diesem Augenblicke ein Trupp kräftiger, mutiger Männer hier vorbeikommen musste. Dies waren Träger.

Die Träger*) wandten dazumal beim Transport der Waren noch keine Wagen an. Sie trugen vielmehr die Kaufmannsgüter, die für einen zu schwer waren, je zwei und zwei hängend an einer mehrere Fuß langen, dicken hölzernen Stange — „Wees'boom”, — wie ehedem die Kundschafter ihre Traube. Diese Leute hatten Waren aus einem Schiffe in die Stadt nach dieser Gegend gebracht und wollten nun auch zur Mittagsstunde heimgehen; da, als sie eben die oben erwähnte Stelle passieren, versinkt plötzlich ein Stück des Steindammes und aus der Öffnung kommt ein feindlicher Soldatenkopf zum Vorschein.

Ich weiß nicht, wer am meisten erschrocken war, der Soldat oder die Träger, aber so viel weiß ich, dass diese sich nicht besannen und jener sich nicht besinnen konnte. Im Nu hatte er einen Schlag weg, dass er schneller versunken wäre, als er gekommen war, hätten ihn nicht im selben Augenblicke zwei handfeste Träger beim Kragen gepackt, herausgezogen und bei Seite gebracht. Während des waren die übrigen zurückgetreten und warteten, ob nicht noch mehr Köpfe zum Vorschein kommen würden. Als aber der drunten, der nun der Öffnung zunächst war, merkte, dass sein Vordermann ihm Luft gemacht hatte, kroch er ihm eiligst nach, wollte sehen, wo er geblieben und steckte auch den Kopf aus dem Loche heraus. Das bekam ihm aber gar schlimm, denn in demselben Augenblicke erhielt er von hinten einen Schlag, dass ihm Hören und Sehen verging; und ebenso erging es allen, die sich noch im Gange befanden und deren waren nicht wenige, denn aus dem Lager hatten sich noch viele Voreilige und Neugierige, und unter diesen mancher Offizier, in den Gang geschlichen. Erst die Letzten, welche man vom Lager aus, beunruhigt über das lange Außenbleiben der Arbeiter, nachschickte, merkten, was vorging, und entzogen sich einem gleichen Schicksale eiligst durch die Flucht.

Droben aber hatten die Träger mit wilder Lust das Werk des Hinschlachtens gehandhabt und waren hierin getreulich von der herbeiströmenden Menge unterstützt worden. Wie viele der Erschlagenen gewesen sind, meldet die Sage nicht; sie erzählt nur, dass man in der Blutstraße bis an die Knöchel im Blute gewatet habe, und das mag auch hinreichen, uns einen Begriff von den Gräueln dieser Szene zu geben.

*) Das Amt der Träger ist uralt; schon in den ältesten Nachrichten über Rostock wird ihrer erwähnt. Die alte Fahne dieser Innung zählt auch schon ein Alter von ein Paar Jahrhunderten. Vielfach und eigentümlich sind die Pflichten und Obliegenheiten, aber auch die Gerechtsame und Freiheiten der Träger. Die Hauptaufgabe derselben ist nun, sämtliche zu Wasser angekommenen Sachen — gleichviel ob Kaufmannswaren, oder Privatleuten gehörig —, ebenso auch die zu Schiffe fortgeschickt werdenden Güter von und nach dem Strande zu transportieren. Selbst wenn auch die betreffenden Empfänger oder Absender eigenes Fuhrwerk haben, so dürfen sie sich doch nicht selbst ihr Eigentum aus dem Schiffe holen, oder an Bord desselben bringen lassen; täten sie dies aber dennoch, so müssen sie doch den Trägern ihre volle Gebühr zahlen, sowie noch obendrein eine Strafe dazu. Ebenso ist es auch ein ausschließliches Recht der Träger, dass sämtliches Bier den Bürgern nur durch sie zugeführt werden darf etc. Stirbt einer der Träger, so hat er die Glocken frei; auch für das Grab etc, sind keine Gebühren zu zahlen, „die sonst ja bekanntlich in Rostock so sehr hoch sind." Nach dem Tode des Mannes bleibt die etwa hinterbliebene Trägerwitwe doch noch immer in Brot; denn auch sie bekommt noch denselben Anteil vom Verdienste, als wäre der Mann am Leben. Ferner sind die Träger gänzlich frei von manchen städtischen Abgaben, als z. B. Schoß, etc.; dafür müssen sie aber auch bei jedem in Rostock entstehenden Feuer sogleich bei der Hand sein und helfen, so auch unentgeldlich die Kirchhöfe ausbessern und bei festlichen Gelegenheiten die Stadtkanonen auf den Wällen abfeuern, etc. Der Herausg.

Die Kaiserlichen aber, müde gemacht durch die Ausdauer der Bürger, niedergeschlagen über den schlechten Erfolg ihrer Unternehmungen und erschreckt durch das grässliche Blutbad, brachen schleunigst auf und zogen in großer Eile von dannen. Die mutigen Bürger setzten ihnen auf der Straße nach Schwaan nach. Dort aber brachen die Einwohner die Brücke, welche über die Warnow führt, im Einverständnisse mit den Rostockern ab, und drangen, mit ihnen gemeinschaftliche Sache machend, auf den Feind ein, also, dass die Meisten durchs Schwert oder in den Fluten der Warnow den Tod fanden.

Der liebe Leser wird nun schon wissen, warum man die Blutstraße also benannt hat.

Die Stelle, wo die Kaiserlichen zum Vorschein kamen, bezeichnete man zum Andenken mit einem breiten Steine. Jetzt ist derselbe freilich nicht mehr vorhanden, aber es gibt noch Viele in Rostock, die sich seiner recht gut zu entsinnen wissen. Er lag etwa dort, wo jetzt die Pumpe an der Ecke der Blutstraße und Faulengrube, der Buchdruckerei gegenüber, steht, welchen Ort man früher allgemein mit dem Ausdrucke „bi'n breeden Steen"*) zu bezeichnen pflegte.

Den Trägern aber wurde für ihren Mut und die dadurch bewirkte Rettung der Stadt die Vergünstigung zu Teil, dass sie alljährlich am zweiten Pfingstfeiertage, nach beendigtem Gottesdienste und nach Verlesung ihrer Amtsrolle im Gewette,**) unter Begleitung des Stadtwachtmeisters und mehrerer Stadtsoldaten, als Ehrenwache, und unter Vorantragung ihrer Fahne vom Rathause auf dem neuen Markte in feierlicher Prozession nach ihrem Amtshause oder Schütting in der langen Straße ziehen dürfen, woselbst ihnen von Stadtwegen eine bestimmte Menge Bier aufgelegt wird, um sich daran, in Erinnerung an die Tat ihrer Vorfahren, gütlich zu tun.

*) Bei dem breiten Stein.
**) Das Zunftgericht für Rostock.

Rostock - Markt, Marienkirche und Blutstraße

Rostock - Markt, Marienkirche und Blutstraße

Rostock - Giebelhäuser bei der Nicolaikirche

Rostock - Giebelhäuser bei der Nicolaikirche

Rostock - Kröpeliner Tor

Rostock - Kröpeliner Tor

Rostock, Neuer Markt mit Ladenzeile 1967

Rostock, Neuer Markt mit Ladenzeile 1967

Rostock vor dem Steintor

Rostock vor dem Steintor

Rostock - Petrikirche mit Petritor

Rostock - Petrikirche mit Petritor

Rostocker Wallanlagen und Kröpeliner Tor, 1968

Rostocker Wallanlagen und Kröpeliner Tor, 1968

Rostock. 013 Marienkirche, Giebel des südlichen Querschiffs

Rostock. 013 Marienkirche, Giebel des südlichen Querschiffs

Rostock. 017 St. Marien-Kirche

Rostock. 017 St. Marien-Kirche