Was bedeutet der Name Rostock?

Aus: Beiträge zur Geschichte des alten, Wendischen Rostocks
Autor: Mahn, J. F. A. (?-?), Erscheinungsjahr: 1854
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg, Rostock, Stadtgeschichte, Wenden, Stadtgründung, Historische Quellen
Sehr verschieden wird der Name der Stadt geschrieben. Die ältesten Inschriften nennen ihn Roztog, Roztoch, und Lindenberg bringt aus einem alten Manuskript Rostzoch zum Vorschein, offenbar nur ein Schreibfehler statt Rozstoch. Borwins I. (1181 — 1226) und Borwins III. (1234 — 1282) Urkunden haben fast durchgehend Rozstoc, zuweilen Rostoc, auf dem Siegel Borwins III. und seines Sohnes Waldemar (Mitregent 1266—1282) aber, so wie auf dem größeren ältesten Stadtsiegel und auf einigen sehr alten Münzen und Steinschriften steht Rozstok; dagegen zeigt das alte Siegel der Universität Rozstokcen. Gegen das Ende des 13ten Jahrhunderts wird die Schreibart Rozstock allgemein und ist auch während der übrigen Jahrhunderte des Mittelalters beibehalten worden; neben ihr, doch selten, findet sich Rostocke, Rozste, Rodestock, Rozstogk, Rozstoch und Rozstochk. Der neuere Name Rostock erscheint zwar schon im Laufe des 15ten Jahrhunderts in vielen Urkunden der Mecklenburgischen Fürsten; allein E. E. Rat gebrauchte das ganze Jahrhundert hindurch in allen Verordnungen und Urkunden, so viele zu sehen mir Gelegenheit wurde, noch die ältere Schreibart Rozstock, bis auch diese im Laufe des 16ten Jahrhunderts verschwindet.

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Die Etymologie des Wortes „Rostock“ hat den Erklärern viel zu schaffen gemacht und recht abenteuerliche, ja mitunter lächerliche Äußerungen hervorgerufen. Viele, unter ihnen Johannes Posselius, Prof. graec. Litt. zu Rostock (oratio de inclyta urbe Rostochio 25. März 1560), leiten es von „Rosen“ ab, so dass Rostock so viel, als Rosenstock bedeute, und führen zum Beweise den „Rosengarten mit seinen sieben Linden“ an; sie bedenken aber nicht, dass der Name „Rostock“ schon Jahrhunderte existierte, ehe an einen Rosengarten gedacht wurde. Indes muss diese Ableitung zu Possels Zeit sehr beliebt gewesen sein, indem man sie auf die Akademie alma rosarum Acad.) übertrug. — Andere kehren zu dem Linden bergischen Fischerdörfchen zurück und behaupten: die Stadt habe ihre Benennung von einem roten Stocke, an welchem die Fischer ihre Zusammenkünfte gehalten, empfangen; Rostock heiße also Rotherstock oder Rodestock. Sehr scharfsinnig; in welchem Schriftsteller lesen wir nur den Beweis von einem Fischerdörfchen und von Fischerversammlungen? Doch ich übergehe die übrigen dieser ähnlichen Ableitungen und wende mich zu denen, die richtig erkannt, dass das Wort „Rostock“, da die Stadt von den Wenden erbaut wäre, Wendischen Ursprungs sein müssee, Frencelius in seiner etymologica Vandalica et Slavica Megapolitana (bei Westfalen Tom. II. pag. 2419.) erklärt „Rozstocka“ für diffluentia aquarum, wo die zusammenfließenden Wasser auseinander fallen oder auseinander gehen; denn roz oder ros sei in der Böhmischen Sprache die untrennbare Präposition dis, zer, und Stocka bezeichne elices, colliciae Wasserfurchen, wohin das Wasser zusammenfließe und fortlaufe.
Die Erläuterungen sind schwer zu verstehen, oder soll unter Auseinanderfall und Auflösung der Gewässer das Ausmünden der Warnow ins Meer gedacht werden? Dann hätte man aber besser dem Fluss, nicht der Stadt die Benennung Rozstock beilegen sollen.
In Berücksichtigung der Sumpflage des alten, Wendischen Rostocks gewinnt die letzte Ansicht einige Wahrscheinlichkeit und ist allen übrigen ohne Zweifel vorzuziehen; nur wird sich unwillkürlich die Frage aufdringen, warum vorzugsweise unsere Stadt, weil ja alle Wendischen Städte oder Burgen ebenfalls in Sümpfen ihre Entstehung hatten, die Sumpfstadt genannt und nicht auch den andern, namentlich den größeren, z. B. Mikilinburg und Kyssin, dieser Vorzug eingeräumt worden sei? — Endlich ist der Verfasser der Rost. Wöchentl. Nachrichten von 1752. S. 45. 46. der Meinung, der Name „Rozstock“ rühre von Radegast her, also Radestock, Rodestock oder nach der harten Wendischen Mundart Rozstock. Er bezieht sich dabei auf Westphalen, der bekräftigt, dass viele Städte in Deutschland, Ungarn und Russland nach Götzen ihre Benennung bekommen hätten. Um Rostock, besonders in dem der Stadt gehörigen Walde, der Rostocker Heide, wäre Radegast hauptsächlich verehrt worden, und noch jetzt in demselben ein Platz Radebrock und ein Bach Radebeck bei Rövershagen vorhanden.

Nicht lässt sich leugnen, betrachtet man die angeführten Derivationen, von welcher Seite man wolle, dass sie alle etwas Unbeholfenes und Gezwungenes und deshalb etwas Unwahrscheinliches an sich tragen. Aus dieser Veranlassung dürfte ich mir wohl erlauben, auch meine Ansicht über die Entstehung und Bedeutung des Wortes „Rostock“ mitzuteilen, und wiewohl ich weit von der Anmaßung entfernt bin, sie für die richtige ausgeben zu wollen, so mögen doch historische Gründe, die sich mir bei der Untersuchung herausstellten, der Wahrscheinlichkeit vielleicht am nächsten treten. Es ist bereits entwickelt worden, dass die Wenden aus dem Inneren Nordostasiens, aus der Mongolei, Tartarei, Tibet und den angrenzenden Ländern stammen und von dort durch Mittelasien um das Kaspische Meer herum in Sibirien und Europa eingewandert sind. Historische Forschungen haben schon längst zur Genüge bewiesen, wie die Semitischen Dialekte über ganz Vorder-, Mittel- und einen Teil Ostasiens ausgebreitet waren, und es darf als ausgemacht angenommen werden, dass auch die Slawischen Völler vermöge ihrer ursprünglichen Wohnsitze die Semitischen Dialekte zur Grundlage ihrer Sprache gehabt haben müssen. So nannten z. B. alle Slawen oder Slawischen Stämme ihr Oberhaupt Zar und nennen es noch heut zu Tage so; in Zar aber erblickt man deutlich das Hebräische (Sar), Fürst, Vorgesetzter. — Zur Hauptbeschäftigung wählten sich, nebst andern Stämmen, die Mecklenburgischen Wenden Ackerbau, Viehzucht, Schifffahrt und Handel; keine Gegend bot ihnen zu Schifffahrt und Handel günstigere Vorteile dar, als die unsrige an dem größten, dem einzigen schiffbaren Fluss des Landes, besonders da, wo er einen so geräumigen und sichern Hafen bildet. Darum sahen wir schon oben die Warnow als den gewöhnlichen Stationsort der Wendischen Flotte. Solche Vorteile gewährte weder das vom Meere abgeschnittene Mikilinburg, noch das höher hinaufliegende Kyssin, und darum hat es nichts Auffallendes an sich, dass die hiesigen Wenden, weil sie den Vorzug ihrer Stadt vor allen übrigen des Landes erkannten, sie wegen ihrer Lage und Wichtigkeit als die vorzüglich für Schifffahrt und Handel geeignete bezeichneten. Sie gaben ihr daher den Namen „Roztow“, d. h. das Haupt, in Bezug auf Schifffahrt und Handel, folglich die Handelsstadt.

Ohne Bedenken liegt es in der Natur der Sache, dass der Wendischen Stadt von ihren Wendischen Erbauern auch die Wendische Endung ow (Roztow) beigelegt wurde eine Stadt gleiches Namens, nur mit dem sanfteren Es-Laute, Rostow, blüht noch heute im Gouvernement Jaroslaw in Russland und ist durch ihren Handel und ihre große Messe, die von mehr als 7.000 Kaufleuten besucht wird, berühmt. Jedoch die Deutschen Kolonisten, welche das neue Rostock gründeten und Alles, was an das verhasste Wendische erinnerte, vertilgten, die sogar alle Wenden von der Teilnahme an einer ehrlichen Zunft ausschlössen, änderten in ihrem Hasse die Wendische Endung desselben ow in die Deutsche Endung og, och, ock um; Städte, die sich auf g, ech, eck endigen, sind in Deutschland sehr häufig, z. B. Leipzig, Eisenach, Wisloch, Waldeck, Inspruck u. s. w.; alle Schriftsteller aber, die über Rostock geschrieben, lebten erst um oder nach Erbauung der zweiten oder jetzigen Stadt, mithin zu einer Zeit, in welcher der Name Roztog, Roztoch, Roztock und Rozstock schon gebräuchlich geworden war. — Das Wort Ros, in der härteren Mundart Roz, bedeutet im Slawischen das Vorzügliche, Mächtige und ist das Hebräische Rosch, das Haupt, Kopf; 2) das Oberste, Höchste in seiner Art; 3) die Hauptstadt, z. B. Jes. 7, 8. — die Hauptstadt Arams (Syriens) ist Damaskus. Unter den Slawischen Völkerschaften nannte sich im 9ten Jahrhunderte das angesehenste Volk Ruzi, Ruzzi, Rozzi d. h. die mächtigen, vorzüglichen, woraus in späteren Zeiten Rossen, Russen geworden; Stammwort Slaw. Roz. — So noch jetzt Rossia, Rossianin. — In den Semitischen Dialekten werden nämlich sehr oft ähnliche Konsonanten, die mit einem Organe ausgesprochen werden, mit einander verwechselt. Auf dieselbe Weise machte auch im Slawischen nach und nach der schärfere Es-Laut z. dem sanfteren s. Platz, und so sind denn fast alle früher mit z. geschriebenen Wörter nachher mit einem s. ausgedrückt, z. B. Ruzzi - Russen, Kyzzin (Kussin) – Roztock - Rostock. Das t. in Rostock halte ich der leichtern Aussprache wegen für eingeschoben; es findet sich, so viel ich weiß, in allen Slawischen Ortsnamen, in welchen die vorhergehende Silbe mit einem einfachen z oder mit dem späteren s schließt, z. B. Rostow, Güstrow, Biestow u. s. w., nicht aber in denen, wo auf das z der vorigen Silbe noch ein z folgt, s. vorher Ruzzi u. s. w. In der Aussprache fängt es die zweite Silbe an; man spricht Roz-tock, also- auch Ros-tock, nicht Ro-stock. — Übrigens bleibt es sehr zu bedauern, dass kein Schriftsteller uns ein sicheres, zuverlässiges Zeugnis aus dem Munde der Wenden hinterlassen, welche Bedeutung sie mit dem Worte „Rostock“ verbanden. Helmold hätte hier am besten Auskunft verschaffen können; allein er schweigt, und so wird das Dunkel niemals vollständig in Licht sich verwandeln. — Aus Allem steht
aber unleugbar die Folge fest: sowohl die Lage und Bauart, als auch der Name der alten, früheren Stadt begründen genau ihren Wendischen Ursprung.

Wie bei ihrer Handelsstadt, mussten die Wenden auch bei der Benennung des Flusses, durch den ihrem Handel erst das eigentliche Leben zu Teil ward, auf besondere Umstände Rücksicht nehmen. Nicht bloß Hauptfluss des Landes, der ihnen zur Beschiffung das Weltmeer öffnete, war er gleichsam ihr Alles, ihr Höchstes, der ihre Tätigkeit anspornte, der ihnen Wohlstand und Reichtum verlieh. Ist es daher nicht ganz natürlich, zumal die Schiffer einen eigenen Gott der Winde, den Beschützer der Schifffahrt, Nemisa, anriefen, wenn sie nach ihrer Religiosität bei Benennung des Hauptflusses auf die Gottheit der Gewässer, die sie in ihrem früheren Vaterlande, in Asien, verehrt hatten, zurückgingen? Der Gott des Wassers heißt im Indischen in den spätem Zeiten Varuna; von ihm den Namen Varunow, Warnow herzuleiten, würde schwerlich als eine zu gewagte Konjektur angesehen werden dürfen.

Rostock, Universität

Rostock, Universität

Rostock, Kröpeliner Tor

Rostock, Kröpeliner Tor

Rostock, Kröpeliner Tor und Teufelsgrube

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Rostock, Giebelhäuser bei der Nikolaikirche

Rostock, Giebelhäuser bei der Nikolaikirche