Rostock - Die St. Marien-Kirche - Die Kanzel aus dem Jahr 1574

Aus: Die Kunst- und Geschichts-Denkmäler des Großherzogtums Mecklenburg-Schwerin. I. Band
Autor: Schlie, Friedrich Dr. (1839-1902) Professor, Archäologe, Kunsthistoriker, Museumsdirektor und Hofrat, Erscheinungsjahr: 1898

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Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin, Amtsgerichtsbezirk Rostock, Hansestadt, Denkmäler, Bauten, Architektur, Kirchen, Kirchenmobiliar, Renaissance, Barock, Rokoko, Klassizismus, Denkmalsschutz, Geschichte, Geschichtsdenkmäler, Regionalgeschichte, Landesgeschichte, Stadtgeschichte, Kirchengeschichte, Marienkirche
Als ein Hauptwerk kunstreicher Holzschnitzerei aus dem Jahre 1574 im Geschmack der Hochrenaissance stellt sich uns die Kanzel dar. Der eigentliche Predigtstuhl derselben enthält in vier tiefen Nischen, die durch vortretende korinthische Säulenpaare von einander geschieden werden, vier neutestamentliche Darstellungen in plastischen Gruppen mit Figuren in voller Rundung: die Anbetung des heiligen Kindes durch die Hirten, die Taufe im Jordan, das heilige Abendmahl und die Kreuzigung. Zwischen der erstgenannten und der zweiten Szene befindet sich eine schmälere Nische mit dem Kinde, welches das Kreuz trägt. Unterhalb desselben, in der Basis, die Jahreszahl 1574. Auf die vierte Darstellung folgt ebenfalls eine kleinere Nische mit dem todbesiegenden Salvator mundi. Unterhalb dieser Hauptdarstellungen, also an der Basis des Predigtstuhls, die allegorischen Figuren der Cognitio, Fides, Spes, Caritas, Justitia, Temperantia, Prudentia und Fortitudo; und zwischen der Temperantia und Prudentia, unterhalb des kreuztragenden Kindes, also auch unter der Jahreszahl, das Brustbildnis eines Mannes, welches wahrscheinlich den Verfertiger des kunstreichen Werkes darstellt, vielleicht auch den Stifter.

Die äußere Wandung des an zwei Pfeilerseiten angelehnten Treppenaufganges ist gleichfalls in Felder mit Figuren und Gruppen eingeteilt, die durch korinthische Säulen geschieden werden. Dem Salvator mundi am Predigtstuhl zunächst folgt die Ausgießung des heiligen Geistes, dieser die Verklärung Christi; am unteren Teile des Aufganges vier Felder, von denen zwei mit Ornamentfüllungen und zwei mit allegorischen Figuren ausgestattet sind, deren Deutung in der Richtung der Begriffe von Fülle und Ruhm zu suchen sind. In dem Dreieck, welches oberhalb dieser beiden Figuren den Winkel zwischen Treppenaufgang und Kanzelportal füllt, gibt es noch die Darstellung des Mahles bei Simon mit der fußwaschenden Magdalena. Daneben eine sich bückende und zugleich hinauf steigende Figur im Zeitkostüm der Renaissance, welche gewiss nur als Füllstück, allenfalls vielleicht als Treppen-Repräsentant, zu fassen ist.

Von besonderer Schönheit ist auch das Treppenportal der Kanzel, welches zwischen zwei korinthischen Säulenpaaren, die einen verkröpften Architrav und Fries mit Gesimsabschluss tragen, eine Tür mit Ornamentfüllung und ein Lünettenfeld darüber enthält. Im Felde der Lünette die figurenreiche Darstellung des Gleichnisses vom barmherzigen Samariter als Hochrelief. Im Aufsatz oberhalb des Friesgesimses ein zweites größeres Hochrelief, welches die Menschheit in der Gestalt eines armen Sünders zwischen Gesetz und Evangelium darstellt, ersteres durch Moses, letzteres durch Johannes den Täufer repräsentiert. Hinter Moses die alttestamentlichen Szenen des Sündenfalles, der Gesetzgebung auf Sinai und der Erhöhung der Schlange in der Wüste, und unmittelbar neben ihm links eine Tumba mit einem Gerippe, als Hinweis auf den Spruch: „Der Stachel des Todes ist die Sünde, die Kraft der Sünde ist das Gesetz“ (l. Cor. XV, 56). Hinter dem Täufer rechts die neutestamentlichen Szenen der Verkündigung an die Hirten, des Gebetes Jesu in Gethsemane, des Gekreuzigten, des Lammes, welches der Welt Sünde trägt und auf das Johannes mit dem Finger weist; und unmittelbar neben Johannes die Besiegung von Tod und Teufel durch den auferstandenen Christus mit Bezug auf den Spruch: „Gott sei Dank, der uns den Sieg gegeben durch unsern Herrn Jesum Christum“ (1. Cor. XV, 57).

Als Bekrönung des Aufsatzes sehen wir den Kampf zwischen Jacob und dem Engel des Herrn und auf den vorspringenden Gesimsverkröpfungen unterhalb des Aufsatzes zwei allegorische Figuren, von denen eine ihre Attribute bereits verloren hat, die andere aber die zwei Teile einer zerbrochenen Säule hält.*) Als Träger des Lesepultes auf der Kanzel erscheint ein auf dem Nest sitzender messingener Pelikan, welcher die Jungen mit seinem Blute speist.

*) Die ehedem auf der Innenseite der Tür gelesene Jahreszahl 1724, welche sich auf eine Restauration bezog, ist nicht mehr vorhanden. Vergl. Niehenck 1. c, S. 125.

Ebenso reich wie der Szenen Inhalt an der Kanzel ist auch der des Deckel, hochgebauten und in zwei Stockwerken gegliederten Schalldeckels. Jedoch zeigt die architektonische und ornamentale Behandlung desselben nicht den Stil der Hochrenaissance vom Jahre 1574, sondern den des Barockstils des XVIII. Jahrhunderts, wie die stark ausladenden Volutenbildungen dartun. In jedem der beiden Stockwerke fünf tiefe Bogennischen, deren plastischer Inhalt den tiefgründigen Schilderungen der Apokalypse entnommen ist. Das Mittelfeld des unteren Stockes zeigt nach der Offenbarung (Cap. I, 13, 17) „des Menschen Sohn mitten unter den sieben Leuchtern“ und Johannes „zu seinen Füssen als ein Toter“. Das Feld rechts daneben mit Hinblick auf Cap. IV, 2 und V, 6, wozu die Grundstelle Daniel VII, 9, 13 heranzuziehen ist, enthält den „Alten der Tage“ und den „Menschensohn, der in des Himmels Wolken zu ihm kommt“. Das Feld zur Linken bietet die Gesetzestafeln und das letzte links eine Sonne, darin in hebräischen Buchstaben der Gottesname Jehova steht. Das letzte Feld rechts zeigt eine von einem Arm dargebotene goldene Krone mit Hinblick auf Offenbarung II, 10: „Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben“. Zwischen der Sonne und den Gesetzestafeln ein auf Wolken thronender Engel, ein zweiter auf der anderen Seite zwischen dem Alten der Tage und der Krone des Lebens, in voller Rundung gelagert auf einer der vorspringenden Voluten. Oberhalb der zuerst beschriebenen mittleren Szene zwei schwebende Engel, welche einen Wappenschild halten mit dem Jesus-Monogramm I H S, einem Kreuz und drei Nägeln. Das Mittelfeld im oberen Stockwerk zeigt das Lamm Gottes mit der Siegesfahne auf der Bundeslade stehend. Rechts daneben die Steinigung des Stephanus, als des ersten Blutzeugen Jesu, „erwürgt um des Wortes Gottes willen“ (Offenbarung IV, 9), und im letzten Felde rechts der Kelch mit Hinblick auf Offenbarung XIX, 9 „Selig sind, die zu dem Abendmahl des Lammes gerufen sind“. Links von der Hauptszene dieses Geschosses eine Sonne mit einem Menschenkopfe, wohl Hindeutung auf das Wort der Apokalypse XXI, 23 „Die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie, und ihre Leuchte ist das Lamm“ (Vergl. Jesaia LX, 19, 20). Links im letzten Felde die Szene wie der „Engel mit dem Schlüssel den Drachen, welcher ist der Teufel, bindet“ (Offenbarung XX, I, 2). Als Bekrönung des letzten Stockwerks erscheint ein großer posaunenblasender Engel, unter ihm in Wolken mehrere kleinere Engel. Alle Darstellungen dieser zehn Nischen des Schalldeckels sind in voller Plastik vorgeführt und befinden sich mehr vor als in denselben.

      Da die erhaltenen Rechnungsbücher erst mit dem Jahre 1593 beginnen, so war über den Verfertiger der Kanzel nichts zu ermitteln. Dagegen besagt das Rechnungsbuch von 1723, dass an den Tischler Friedrich Möller für den „neuen“ Kanzeldeckel 230 Gulden (darunter noch einmal 130 fl. [sic!]) und an den Bildhauer-Meister Hartich 613 Gulden bezahlt sind.

Schlie, Friedrich Dr. (1839-1902) Professor, Archäologe und Kunsthistoriker, Direktor der Großherzoglich-Schwerinschen Kunstsammlungen

Schlie, Friedrich Dr. (1839-1902) Professor, Archäologe und Kunsthistoriker, Direktor der Großherzoglich-Schwerinschen Kunstsammlungen

Rostock. 023 Marienkirche, Kanzelportal

Rostock. 023 Marienkirche, Kanzelportal

Rostock. 024 Seitenansicht der Kanzel der St. Marien-Kirche

Rostock. 024 Seitenansicht der Kanzel der St. Marien-Kirche

Rostock. 025 Treppenaufgang.

Rostock. 025 Treppenaufgang.

Rostock. 026 Marienkirche,  Vorderansicht der Kanzel

Rostock. 026 Marienkirche, Vorderansicht der Kanzel