Rostock 1807 - Witterung, Klima, Wetter, Jahreszeiten

Aus: Bemerkungen aus dem Gebiete der Heilkunde und Anthropologie in Rostock. Bd 1. Medizinische und anthropologische Bemerkungen über Rostock und seine Bewohner
Autor: Nolde, Adolf Friedrich Dr. (1764-1813) Professor der Medizin, Erscheinungsjahr: 1807

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Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Rostock und seine Bewohner, Medizin, Universität, praktischer Arzt, Krankengeschichten, Medizingeschichte, Stadtbeschreibung, Wetter, Klima, Jahreszeiten,
Unter allen auf die eigentümliche Lage und Beschaffenheit Rostocks sich beziehenden Verhältnissen verdient das hiesige Klima noch eine besondere Erwähnung. Ich will davon hier nur so viel sagen, als ich selbst Gelegenheit zu beobachten gehabt habe, und ich glaube, dass eine Reihe von beinahe dreizehn Jahren, die ich hier verlebt habe, mich einigermaßen in Stand gesetzt hat, dem Publikum sichere Resultate mitzuteilen. Die nördliche Lage der Stadt, das viele Wasser, was sie von allen Seiten umgibt, und die Nähe der Ostsee, alles dieses trägt gemeinschaftlich mit den häufig wehenden Nord- und Ostwinden dazu bei, das hiesige Klima *) etwas rau und unangenehm zu machen, wird aber auch zugleich das Mittel, wodurch die Natur manchen Fehler der Einwohner verbessert. Gemeiniglich fängt man daher schon im Oktober an einzuheizen, und sieht sich meistens genötigt, damit bis in den Mai fortzufahren. Ausländer, die an das hiesige Klima noch nicht gewöhnt sind, pflegen oftmals bis in den Junius ihre Zimmer zu erwärmen, und im September wieder damit anzufangen. Ich selbst konnte es einmal in den längsten Tagen des Junius nicht aushalten, in einem ungeheizten Zimmer zu schreiben.

*) Ehedem mag unser Klima wohl etwas milder gewesen sein, als es jetzt ist. Dieses scheint mir unter andern aus der Beschreibung desselben, welche ich bei Detharding a. a. O. S. 43. finde, zu erhellen. Er sagt nämlich: „temperatam hanc esse regionem, ex eo colligitur, quod adeo suaviter et calor et frigus sese excipiunt. Imo, quod beneficium harum terrarum maximum dixeris, per illa tempora, quando gravis metuendus foret calor et ex calore illo morborum strages, venu ethesiae dicti adsunt, qui nivium in jugis carpathicis tauricisque dilutarum proles sunt, ardorem illum mire restinguunt et blandissimum reddunt.“ Aber gerade diese Winde machen gegenwärtig das hiesige Klima mehr rau, als mild.

Erst im Mai fangen bei uns größtenteils die Bäume an auszuschlagen und Blüten zu treiben, die aber nicht selten durch verderbliche Nachtfröste, durch Schnee und Hagelschauer so angegriffen werden, dass die Bäume darunter leiden, und gute Obstjahre zu den Seltenheiten gehören. Werden die Bäume während ihrer Blütezeit, deren Annehmlichkeiten hier sehr oft zu den ungenießbaren Freuden gehören, von einer strengen Kälte verschont: so zerstören Raupen und Käfer gemeiniglich wieder die frohe Aussicht auf eine gesegnete Obsternte. Man gibt daher auch in der Regel nur wenig auf die Kultur der Obstbäume: weil sie so unsicher ist, und oft sogar die schönsten Bäume verkrüppeln, oder während des Winters erfrieren. Die raue Witterung in den Monaten April und Mai ist bei aller Heiterkeit der Luft um so empfindlicher: da wir bisweilen schon im März, auch wohl gar im Februar, einige angenehme Frühlingstage zu haben pflegen, und da der austrocknende strenge Ost- und Nordostwind auf die verwöhnte Haut einen sehr unangenehmen Eindruck macht. Der Sommer ersetzt nicht allemal den Verlust des Frühlings, wenigstens haben wir im Junius häufig trübe, regnerische und unangenehme Tage. Im Julius pflegt sich wohl der Himmel zu erheitern, aber dann ist auch den Tag über die Hitze sehr groß. Gegen das Ende dieses Monats, manchmal aber auch erst im August, nimmt bei uns die Ernte ihren Anfang. Der August und September sind unter allen unstreitig die angenehmsten Monate, insbesondere zeichnet sich der erstere durch die schönen Abende aus. Im September sind diese nicht mehr so erquickend, dagegen die Tage desto angenehmer, nicht zu heiß und nicht zu kühl, auch meistens ziemlich heiter. Manchmal verdient der Oktober noch das Lob des Septembers, doch fängt in ihm nicht selten schon die regnerische und stürmische Witterung an, die gemeiniglich während des Novembers fortdauert. Überhaupt ist dieser unter allen der unangenehmste Monat. Die an sich sehr kurzen Tage werden durch die trübe, neblige und regnerische Witterung noch mehr verkürzt, Einflüsse, unter denen besonders die Hypochondristen sehr leiden. Erst im Dezember, manchmal sogar erst gegen das Ende desselben, pflegt sich ein trockner gelinder Frost einzustellen, der dann in dem folgenden Januar seine größte Höhe erreicht, und bisweilen noch während eines Teils vom Februar, selbst nicht selten bis in den März und April, fortdauert. Nachtfröste kommen häufig noch im Mai, und sogar im Junius vor.

So verhält sich die Witterung bei uns in der Regel. Aber es kann kein veränderlicheres Klima geben, als das unsrige. Ich habe die Bemerkung gemacht, dass wir gemeiniglich zwei gelinde Winter, und eben so viel schlechte Sommer haben, auf welche dann ein schöner Sommer mit einem kalten Winter zu folgen pflegen. Die Winter von 1798/1799 und von 1799/1800 machten indessen eine Ausnahme, denn beide waren sehr streng und von langer Dauer. Die beständigste Witterung, die weh nur selten ausbleibt, haben wir in den Monaten April, Mai, bis in den Juni. Dann ist der Himmel gewöhnlich heiter, unbewölkt, und sein schönes Blau ladet zum Genuss ein. Aber der strenge Wind, der von Osten und Nordosten weht, schreckt sogleich von dem ersten Versuch ab; daher man auch die Promenaden und Straßen leer von Menschen findet. Er durchstreicht die Stadt der Länge nach, bricht sich an den Kirchen und Ecken, macht aber auch den Boden so trocken und rein, dass alles in einen den Augen sehr lästigen Staub verwandelt wird. Für einen schlechten regnerischen Sommer, wo man nur selten einen ganz heiteren, ungetrübten Himmel erblickt, entschädigt uns meistens ein schönerer Herbst; ist aber der Sommer gut, so pflegen die guten Herbsttage nicht von so langer Dauer zu sein. Im Ganzen ist dennoch der Herbst unstreitig die angenehmste Jahreszeit. Im Spätherbst haben wir nicht selten Stürme aus Süden, Südwest, West und Nordwest, welche die Nebel verscheuchen, den Himmel auf längere oder kürzere Zeit erheitern, die Luft reinigen, und die Feuchtigkeit von den Gassen wegnehmen. Manchmal sind die Wintermonate hingegen so gelind, und die Winde so still, dass sie den schlechten Sommermonaten ähnlich sind. Die Jahreszeit abgerechnet, wo die Ostwinde uns quälen, bleibt der Himmel selten einen Tag ganz heiter und frei vom Gewölk, so dass wir abwechselnde Apriltage das ganze Jahr hindurch haben. Wir dürfen daher auch im Ganzen, den Frühling abgerechnet, beinahe auf gar keine beständige Witterung rechnen. Nebel, die bisweilen einen sehr widrigen Geruch verbreiten, haben wir im Frühling nicht so häufig, als im Herbst. Die zahlreichsten Gewitter stellen sich im August und September ein, sind aber doch im Ganzen nur gelind und von kurzer Dauer, verursachen auch selten einen Schaden, und ziehen zuletzt nach der See hin. Nordlichte hatten wir in mehreren Jahren nicht gesehen, als in den Jahren 1803 und 1804, dieselben sich wieder ziemlich häufig zeigten, und zwischendurch auch andere Meteore erschienen.

Seit mehreren Jahren habe ich es mir zwar angelegen sein lassen, die hiesige Witterung nach dem Stand des Barometers, Thermometers und Hygrometers zu beobachten, und meine Bemerkungen darüber aufzuzeichnen. Indessen kann ich meine Beobachtungen nur sehr unvollkommen nennen: da teils eine ausgebreitete Landpraxis mich nicht selten Tage lang von Rostock entfernte, teils auch, wenn ich wirklich in der Stadt war, manche unerwartete und gleichfalls von der Praxis abhängende Störungen mir nicht erlaubten, meine Beobachtungen regelmäßig fortzusetzen. Überdem war ich so unglücklich, während dieser Zeit meine besten Instrumente beschädigt und verdorben zu sehen, und es war mir unmöglich, sie hier wieder ausbessern und in Stand setzen zu lassen. Ich muss mich daher auf die Mitteilung der Witterungs-Beobachtungen in dem letzten Quinquennio des achtzehnten Jahrhunderts beschränken, welche ich hier insbesondere aus dem Grunde mitteile, weil ich in der Folge noch von den in diesem Zeitraum beobachteten Krankheiten reden werde. Der um die Meteorologie sich sehr verdient machende Herr Protonotar Meyer hat sie mit dem größten Fleiße und aller möglichen Genauigkeit angestellt, und war auf mein Bitten so gefällig, dieselben mir für diese Schrift zu überlassen, wo für ich ihm hier öffentlich meinen verbindlichsten Dank abstatte. Die folgende Tabelle enthält die Resultate seiner Beobachtungen. Es fehlen in derselben zwar die hygrometrischen Beobachtungen allein der Kenner wird diese um so weniger vermissen, da ihr Verfasser es nicht verabsäumt hat, die feuchten und regnerischen Tage anzumerken. Eudiometrische Versuche zur Prüfung der Luftgüte in den verschiedenen Teilen der Stadt sind meines Wissens bei uns noch nicht angestellt worden: ich glaube aber überhaupt, dass sie in Hinsicht auf den Gesundheitszustand von so großer Wichtigkeit nicht sind, da sie nicht alle Qualitäten der Luft angeben, und diese unter den mancherlei Einflüssen sich gewiss häufiger ändern, als wir dieselben mittelst eines Eudiometers zu erforschen im Stande sind. Bei uns insbesondere wird die Luftbeschaffenheit gewiss so oft durch die häufigen Winde verändert, dass uns der Eudiometer nur sehr unvollkommene Resultate geben würde.

Rostock - Giebelhäuser bei der Nicolaikirche

Rostock - Giebelhäuser bei der Nicolaikirche

Rostock, Lange Straße, Marienkirche in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts

Rostock, Lange Straße, Marienkirche in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts

Hansestadt Rostock, Neuer Markt (zum Zeitpunkt der Aufnahme: Erst-Thälmann-Platz) 1967

Hansestadt Rostock, Neuer Markt (zum Zeitpunkt der Aufnahme: Erst-Thälmann-Platz) 1967

Hansestadt Rostock, Giebelhäuser und Marienkirche

Hansestadt Rostock, Giebelhäuser und Marienkirche

Rostock, Stadthafen mit Großsegler, 1968

Rostock, Stadthafen mit Großsegler, 1968

Rostock, Stadthafen, Segelschulschiff

Rostock, Stadthafen, Segelschulschiff "Wilhelm-Pieck", 1968

Rostock, Stadthafen, 1968

Rostock, Stadthafen, 1968

Hansestadt Rostock - Stadtansicht

Hansestadt Rostock - Stadtansicht

Rostock - Markt, Marienkirche und Blutstraße

Rostock - Markt, Marienkirche und Blutstraße