Rostock 1807 - Nahrungsmittel - Gemüse

Aus: Bemerkungen aus dem Gebiete der Heilkunde und Anthropologie in Rostock. Bd 1. Medizinische und anthropologische Bemerkungen über Rostock und seine Bewohner
Autor: Nolde, Adolf Friedrich Dr. (1764-1813) Professor der Medizin, Erscheinungsjahr: 1807

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Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Hansestadt Rostock, Nahrungsmittel, Gemüse, Nachtfröste, Treibhäuser, Mistbeete, Wintervorräte, Gartengewächse, Gemüsearten, Gärtner, Spinat, Sauerampfer, Spargel, Ackerbohnen, Saubohnen, Karotten, Weißkohl, Moorrüben, Kartoffeln, Erbsen, Bohnen, Blumenkohl, Rüben, Melonen, Kürbis, Petersilie, Sellerie, Porree, Rapunzel, Salat, Körbel, Endivien, Portulak, Zwiebeln, Artischocken, Spitzmorcheln, Champignons, Schwämme, Savoyer Kohl, Gutow, Dorf bei Güstrow, Bohnen, Erbsen, Linsen, Kohlrabi, Kohlrüben, Wasserrüben,
In Absicht unserer Gemüse stehen wir vielen Städten und Ländern gar sehr nach. Zum Teil ist hieran wohl das Klima schuld. Die oft noch im Mai und Juni eintretenden Nachtfröste halten nicht nur das Wachstum der Gewächse außerordentlich zurück, sondern zerstören auch nicht selten die ganze Anpflanzung oder Aussaat. Wenn daher der eine oder andere Gärtner es den übrigen in der früheren Erzielung seiner Produkte zuvor tun will: so wird manchmal durch einen einzigen Nachtfrost alle seine Mühe vereitelt, und der fleißigere Arbeiter dem trägeren gleich gesetzt. Etwas könnte man vielleicht der Rauigkeit unseres Klimas zuvorkommen, wenn man mehr auf Treibhäuser und Mistbeete gäbe: allein alles würde doch freilich dadurch nicht gut gemacht werden können, und wir würden die Gartengewächse nur teurer bezahlen müssen, ohne sie dafür auch besser und schmackhafter zu erhalten. Indessen hätte man doch den Vorteil, dass der Reichere, welcher seinen Tisch früher, als andere mit diesen neuen Erzeugnissen des Jahres zu besetzen wünscht, und dass insbesondere der Kranke Gelegenheit hätte, dergleichen zu bekommen. Nun aber müssen wir uns gemeiniglich bis in den Juni größtenteils mit unseren Wintervorräten begnügen, und in dieser Hinsicht ist es sehr gut, dass wir diese so vollständig zu machen suchen.

Auf der andern Seite setzen uns aber die Unwissenheit und Indolenz unserer Gärtner gegen andere Orte so sehr zurück. Sie bauen nicht nur die gewöhnlichsten Gemüse nicht allemal in einer genügenden Quantität, sondern beschränken sich mit ihrer Kultur auch zu sehr auf einen kurzen Zeitraum, und wählen überdem nur die ordinärsten Sorten. Manche Gemüsearten werden hier gar nicht kultiviert.

Der Spinat und Sauerampfer sind gewöhnlich das erste Grün, das wir zu unseren Mahlzeiten im Frühjahr bereiten. In dieser Hinsicht empfiehlt sich, beides auch den hiesigen Einwohnern; aber die Kost ist ihnen zu weichlich, als dass sie ihren Genuss lange fortsetzen sollten. Gewöhnlich muss man auch bald sie zu genießen aufhören, weil man nur vergebens nach ihnen fragen würde. Dann folgen, oft nach einer beträchtlichen Pause, die Spargel, anfangs auch nur selten, und häufig schlecht. Erst in den letzten Jahren hat man angefangen, sie besser zu kultivieren: aber dies ist noch nicht durchgehends der Fall; auch hat man noch lange nicht genug Spargelbeete angelegt, um sie zu einem billigen Preise erhalten zu können. Dazu kommt, dass in diese Periode gewöhnlich die hiesige Pfingstmesse fällt, wo bei dem ansehnlichen Zufluss von Fremden, und weil man sodann noch kein anderes Gartengewächs haben kann, die Spargel sehr gesucht und teuer bezahlt werden. Man muss sich indessen mit dieser Speise bis Johannis begnügen, welches das gewöhnliche Ziel ist, bis zu welchem man sie erhalten kann. Um diese Zeit gehören aber grüne Erbsen und Karotten, oder Moorrüben noch zu den Seltenheiten, die man teuer genug bezahlen muss, wenn man sie haben will. Bald werden sie allgemeiner, aber dann sind die Erbsen insbesondere auch schon mit einmal so groß, dass man sie nicht mehr essen mag. Selten erhält man nun noch junge und zarte Erbsen, und doch nur in geringer Quantität; auch hat man nur wenige, und sehr gewöhnliche Sorten. Dasselbe gilt von den Vicebohnen, die nicht nur, wie die Erbsen, eine viel zu kurze Zeit dauern, sondern auch oft hart und schlecht sind.

Echte Zucker-und Schwerdbohnen bekommt man nur selten zu sehen. Die Acker- oder Saubohnen finden auch ihre Liebhaber, und werden in ziemlichen Quantitäten in den Gärten und auf den Äckern, doch mehr für das Vieh, angebaut. Desto besser ist aber der Blumenkohl, der hier nicht nur gut gerät, sondern auch, in hinreichender Quantität gezogen wird. Einige Sorten von frühem Weißkohl kann man auch schon um diese Zeit haben; aber nur wenige Gärtner legen sich auf die Kultur desselben, und daher wird er auch nicht recht allgemein. Um Michaelis hat man, außer den Karotten und dem Weißkohl, beinahe von allen diesen Gartengewächsen nichts mehr, oder doch wenigstens nur selten, und in so geringer Quantität, dass man mit Recht sagen kann, wir essen nur den vierten Teil des Jahres frisches Gemüse.

Nun aber werden alle diese Gemüse, kaum mit Ausnahme der gelben Wurzeln, die noch überdem hier sehr wenige Liebhaber finden, eigentlich nur für die erste Klasse von Einwohnern, und einen Teil der zweiten Klasse angebaut; denn teils würde ihre Quantität nicht für alle hinreichend sein, teils können die weniger beschäftigten und ärmeren, oder solche Handwerker, die viele Gesellen halten müssen, sich wegen des zu hohen Preises auf den Genuss dieser Gemüse nicht einlassen. Dasselbe gilt natürlich auch von der ganzen dritten Klasse. Allen diesen kommt es sehr zu statten, dass man bei uns auf die Kultur der Kartoffeln einen besondern Fleiß wendet. Man hat von diesen nicht nur so viele, sondern auch so treffliche und wohlschmeckende Sorten, dass man sie selten an einem andern Orte so gut und vollständig finden wird. Wenigstens tut Rostock es hierin allen übrigen Städten Mecklenburgs zuvor. Viele von den geringeren Leuten haben Gärten eigentümlich oder gemietet, die sie beinahe allein für den Anbau der Kartoffeln bestimmen, und auch die Gärtner haben den größten Teil ihres Landes mit Kartoffeln bepflanzt, die selbst zum Teil noch auf dem Felde angebaut werden? Bald nach Johannis kann man daher schon die früheren Sorten haben, die denn begierig von den Einwohnern gegessen werden. Ich glaube nicht, dass die Kartoffeln um diese Zeit so schädlich sind, als man sie in einigen Ländern und Gegenden hält, wenn man nur die frühzeitigen Sorten wählt; wenigstens habe ich nie einen auffallenden Nachteil hiervon beobachtet. Ihr Genuss ist auch meines Wissens bei uns durch die Gesetze nicht auf eine gewisse Zeit beschränkt, und gewiss würde ein großer Teil der hiesigen Einwohner dadurch in Verlegenheit kommen, wenn man dergleichen Gesetze wirklich exekutierte. Auf den Tischen des Handwerkers und des Arbeitsmannes sieht man die Kartoffeln zu allen Jahreszeiten und beinahe täglich; sie finden auch einen solchen Wohlgeschmack daran, dass sie kaum ein anderes Gemüse mögen, und essen sich dieses wohltätige Nahrungsmittel nie zuwider.

Die Melonen gehören bei uns zu den Seltenheiten, und werden nur von einzelnen Familien gegessen, oder bei Gesellschaften zum Desert aufgesetzt. Sie geraten indessen bisweilen sehr gut. Die Kürbisse werden von einigen Liebhabern kultiviert, außerdem aber von manchen Familien aus den unteren Ständen wohl gegessen. Häufiger findet man aber doch die Gurken, wovon wir gleichwohl nur wenige Sorten haben. Während des Sommers benutzt man sie hauptsächlich zum Gurkensalat. Der gewöhnliche Salat wird in manchen Familien ziemlich häufig, überwiegend aber ungekocht mit Essig und Öl bereitet gegessen, außer der eigentlichen Laktuke auch wohl die Kresse und der Rapunzel; aber die Endivien, der Portulak, Körbel und andere Pflanzen, die man in andern Gegenden teils als Salat, teils in Suppen zu genießen pflegt, sind hier beinahe ganz unbekannt. Die Petersilie, der Sellerie und Porree werden häufiger kultiviert. Die Zwiebeln hingegen, von welchen uns aber die besseren Sorten mangeln, der Schnittlauch und Knoblauch, werden hier zu Lande im Ganzen wenig geschätzt, und die ersteren pflegt man nur hin und wieder als Zusätze zu den Speisen zu benutzen. Artischocken sieht man äußerst selten, so wie die Ananas. Die essbaren Schwämme werden auch eben nicht gesucht, und, nur in einzelnen Häusern schätzt man, außer den gewöhnlichen runden und Spitzmorcheln, die Champignons, welche man auch wohl pulverisiert, und in dieser Form für den Winter konserviert.

Der gewöhnliche Weißkohl, und der braune Savoyer Kohl werden im Winter vorzüglich nur von den Vornehmeren und Handwerkern gegessen. Rüben pflegt man um Rostock beinahe gar nicht anzubauen, und wer es haben kann, lässt sich seinen Wintervorrat aus Gutow, einem Dorfe bei Güstrow, bringen, wo sie besonders gut und wohlschmeckend sind. Die Märkischen Rüben, welche jedoch den einheimischen aus Gutow nachstehen, werden zur Herbstzeit uns gleichfalls auf Wagen zugeführt. Die schlechteren Wasserrüben, die man hier noch findet, sind mit Recht nur wenig geschätzt, und kommen kaum auf den Tisch der Handwerksleute, die ihnen die Kartoffeln weit vorziehen. Kohlrabi und Kohlrüben kennen viele hier nicht einmal dem Namen nach, und die kleine Probe, die man jährlich gewinnt, ist zu schlecht, als dass man sie wohlschmeckend finden könnte. Die trocknen Bohnen, Erbsen und Linsen, welche man mit Kohl und Rüben zur Winterszeit abwechseln lässt, und ziemlich häufig und gern genießt, werden uns größtenteils vom Lande zugeführt, und sind eben daher auch nicht allemal sehr wohlfeil. Die wenigen Bohnen, welche man hier reif werden lässt, sind oft kaum zur Aussaat hinreichend, weil sie besonders in nassen Jahren, die doch nicht selten vorkommen, nicht einmal immer zur Reife gelangen. Aus diesem Grunde hat die Erzielung reifer Samen in unserm Klima überall sehr große Schwierigkeiten. Zum Teil mag dieses auch die Ursache sein, dass man sich mit den einmal eingeführten Sorten begnügt, weil; die feineren und bessern hier leicht ausarten, wenn sie nicht sehr sorgfältig gepflegt werden.

Rostock - Giebelhäuser bei der Nicolaikirche

Rostock - Giebelhäuser bei der Nicolaikirche

Rostock - Markt, Marienkirche und Blutstraße

Rostock - Markt, Marienkirche und Blutstraße

Hansestadt Rostock - Stadtansicht

Hansestadt Rostock - Stadtansicht

Rostocker Umland mit Bauernhof, 1968

Rostocker Umland mit Bauernhof, 1968

Rostock - Kröpeliner Tor

Rostock - Kröpeliner Tor

Rostock vor dem Steintor

Rostock vor dem Steintor