Zum Geleit

      Ich merke: ich bin wieder zurück im lieben Vaterland; bin recht weit abgekommen von — Indien. Draußen nämlich bin ich — immer mit dem Geld, das ich zu Hause so jämmerlich sauer zusammenscharrte, draußen bin ich ein Sahib. Bin ein großer Herr. Gehe meinen Weg, meinen ureigenen Weg, bin mein eigener Herr und lebe mein Leben. Bin nicht mehr Zeitungskuli und vagierender Vortragsreisender, wie zu Hause. Ich werde mir freilich den Luxus nie gestatten können, ein „eigen Heim zu haben und eine Familie zu gründen“. Aber ich darf mir dafür erlauben, Träume zu träumen, die kein anderer vor mir je zu träumen wagte.
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      Dies Buch, über alles verehrter Leser, enthält gewiss nicht solche Träume. Die müssen Sie schon in meinen anderen Büchern suchen, in den Büchern, in denen ich Sie gar nicht verehre, in denen Sie mir, verzeihen Sie, ganz ungeheuer gleichgültig sind. Diese Blätter aber sind eigens für Sie geschrieben, sind ein Gemisch aus meinen Zeitungsaufsätzen und meinen Vorträgen. Und darum muss ich hier höflich sein: bitte, treten Sie ein, verehrtester Herr, allerreizendste Dame, bitte, kaufen Sie, bitte, lesen Sie! — Indien! Wunderland! Höchst aktuell! Der Kronprinz war auch da! — Und dann die Bilderchen! Und das alles nur für fünf Mark fünfzig! Rein geschenkt! Hereinspaziert, meine Herrschaften!


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      Was mir Indien ist — steht freilich nicht auf diesen Seiten. Wen das interessiert, der mag es vielleicht später einmal lesen, in irgendeinem höchst absurden Roman, irgendeiner wilden, allzu seltsamen Geschichte — die gute Bürger nicht lesen werden, weil sie ihnen die voll verdiente Nachtruhe rauben würden.
      Und trotzdem — auch ihr mögt diese Blätter lesen, ihr paar Menschen, die ihr mich liebt, und die ich nicht kenne. Denn seht: niemand kann aus seiner Haut heraus.
      — Ich habe einmal versucht, einen Kitschroman zu schreiben — natürlich um Geld zu verdienen — so einen regelrechten, jämmerlich abgeschmackten Klischeezeitungsroman. So einen, wie sie unsere „beliebten Romanschriftsteller“ mit Leichtigkeit in ein paar Wochen herunterdiktieren. Aber es ging nicht. Ging absolut nicht. Ich mühte mich und quälte mich ab — völlig vergebens. Man muss eben bleiben bei seinem Leisten. Und so, glaube ich, steht auch in diesem Buche manches, das meine Art trägt — trotz der Zwangsjacke des „Feuilletons“. Manches Bild, das Sie in keinem „Indienbuche“ finden werden, manche kleine Silhouette, die ich allein sah: mit meinen Augen.
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      Ums Himmels willen, wenn Sie nach Indien reisen, Verehrteste, begnügen Sie sich nicht mit diesem Buche! Nehmen Sie Murray. Der ist wirklich ganz unentbehrlich. Ich habe, und nicht ohne Absicht, nicht einmal irgendeinen „Reiseweg“ in diesen Blättern durchgehalten. Ich plaudere jetzt von Ceylons versunkenen Städten und gleich darauf von den hübschen Nautchgirls, jetzt von allerlei sonderbaren Heiligen und dann wieder von herrlichen Tempeln in Agra oder Benares.
      Ich will hier keine Ordnung, verehrte Leser, will weder Ihre ethnographischen noch Ihre geographischen, weder Ihre religionsphilosophischen, noch Ihre kunsthistorischen Kenntnisse bereichern. Ich will weiter nichts, als Ihnen ein paar Ausschnitte, ein paar rasche Bilder geben, die immerhin darnach angetan sein mögen, Sie, Hochverehrte, einen raschen Blick in das merkwürdige Wunderland tun zu lassen, das wir Indien nennen. Und will Ihnen ein wenig Lust machen zu reisen . . .
            Wien, im April 1911
                  HANNS HEINZ EWERS.
Dieses Kapitel ist Teil des Buches Indien und ich
00 Der Goldlotosteich (Schiwatempel in Madura)

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