Einwanderung der Wenden

Aus: Beiträge zur Geschichte des alten, Wendischen Rostocks
Autor: Mahn, J. F. A. (?-?), Erscheinungsjahr: 1854
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg, Rostock, Stadtgeschichte, Wenden, Stadtgründung, Historische Quellen
Die Wenden gehören zu dem großen Slawischen Völkerstamme, der ein Hauptvolk des großen Scythischen oder Skolotischen Reiches im Innern Nordostasiens ausmachte; ihre Asiatische Abstammung beurkundet teils ihre nomadische Lebensart, teils ihre physische Beschaffenheit, teils ihre Altasiatische Religion. Bei der allgemeinen Wanderung, die durch die Hunnen veranlasst wurde, brach auch der Slawische Volksstamm auf, drang, wie später die übrigen Asiatischen Völker, von der Ostseite des Kaspischen Meeres her in Sibirien und Europa ein und ließ sich in dem heutigen Russland westlich vom Uralgebirge nieder.

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Hier behielten die Slawen ihren Aufenthalt, bis sie am Ende des 5ten Jahrhunderts durch neue Völker, die aus Sibirien hervorfluteten, die Awaren, Ugren oder Ungern und Chazaren, weiter nach Westen getrieben wurden. Da diese Völker jedoch mehr eine südliche Richtung auf ihren Zügen verfolgten, so breitete ein Teil der Slawen sich über das westliche Russland, über Polen und Preußen aus, ein anderer Teil wanderte in Germanien ein, wo er nun die auf der Ostseite der Elbe von den Germanischen Völkern verlassenen Wohnsitze vom Ausfluss derselben bis zur Donau hinauf einnahm. Diese Einwanderung beginnt mit dem Anfange des 6ten Jahrhunderts; am Ende des 6ten ist sie vollendet.

Als der Slawenstamm in Germanien einfiel, war er in drei besondere Völkerschaften getrennt, Slawen, Anten und Wenden; früher kennt man diese Abteilungen nicht. Die Slawen wendeten sich nach dem Mittleren Deutschland, nehmen in den verschiedenen Ländern, von Sachsen bis nach Oestreich, verschiedene Namen an und existieren noch jetzt, wiewohl mit Deutschen vermischt. Der Stamm der Anten hingegen scheint nicht nach Deutschland gekommen zu sein, wenigstens findet sich etwas Historisch-Gewisses darüber nicht. Seine Niederlassungen empfing er höchst wahrscheinlich in den Ländern am Ausflusse der Donau, grenzte aber unmittelbar an die Slawen. Im Anfange des 7ten Jahrhunderts hatten sich die Anten an das nördliche Ufer des schwarzen Meeres gezogen; hier treffen wir sie als Bundesgenossen der Byzantiner gegen die andrängenden Awaren. Allein nach der Niederlage der letzteren i. J. 600. durch Priscus, des Maurikios Feldherrn, bekamen sie in den Awaren um so gefährlichere Feinde, weil jene Niederlage hauptsächlich von ihrer Hilfe erfolgt war. Vielleicht würden sie sich jedoch erhalten haben, wären sie nicht von den treulosen Byzantinern nach überstandener Gefahr feige verlassen worden. — Die Anten wurden von den Awaren 603 vertilgt.

Der dritte Stamm der Slawen, die Wenden, besetzte alle Länder an den Ufern der Ostsee entlang, dehnte sich bis in das jetzige Holstein aus und wurde hier Nachbar der Nordalbingischen Saxen. Nicht aber eroberungssüchtig und kriegslustig, wie die andern Slawischen und fremden Völker, treten die Wenden auf, sondern in kleinen Abtheilungen schlichen sie sich gleichsam allmählich in die neuen Wohnsitze ein, ja sie erbaten sich, wo sie noch Germanische Einwohner vorfanden, friedliche Aufnahme.

Auch die Wenden erscheinen in den verschiedenen Ländern unter verschiedenen Namen. Die Völker, welche in die Großherzogtümer Mecklenburg einwanderten, teilten sich in zwei Hauptstämme, Wilzen und Obotriten; die Grenze zwischen ihnen machte die Warnow. Beide sonderten sich wieder in viele kleinere Völkerschaften, die von Gegenden und Flüssen, welchen die Wenden jetzt ihre eigenen, Wendischen Benennungen beilegten, Unterscheidungsnamen führten. Den östlichen Teil unseres Landes, von der Warnow bis zur Peene, hatten die Wilzen (Lutetier, Welataben) inne; sie zerfielen in die Kyzziner, Circipaner, Tholenzer (Tollenser) und Rhadareir, 2. – s. Helmold — und ihre gemeinschaftliche Hauptstadt war Rethra, in der Gegend von Röbel. Den westlichen Teil, von der Warnow bis zur Elbe, besaßen die Obotriten, als deren besondere Stämme die Linguonen, (Lionen), Warnaver; Obotriten, Smeldinger und Polaben aufgeführt werden — s. Helmold — mit der gemeinschaftlichen Hauptstadt Mikilinburg d. h. die große, starke Burg. s. Franks A. u. N. Mecklenburg, Güstrow und Leipzig 1753. Der Name kommt vom Wendischen Wort Miki, Michil. Die Dänen nannten sie Rerech, Rerig.

Unmittelbar an den Kyssinern, nur durch den Fluss von ihnen geschieden, wohnten die Warnaver, von späteren Schriftstellern auch Variner, Heruler, Werler und Wenden genannt; sie erstreckten sich bis an die Ostsee und sind dasjenige Volk, in dessen Gebiet die Stadt Rostock erbaut worden ist.

Die Rostocker Altstadt vom Beguinenberge

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Die Marienkirche um 1800

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Rostock vom Steintor - 1841

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Bauer und Bäuerin aus Biestow bei Rostock

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