Die irrende Ritterschaft

Autor: Falke, Jakob (1825-1897) deutscher Schriftsteller, Kultur- und Kunsthistoriker, Erscheinungsjahr: 1863
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Ritterschaft, Ritter, Ritterroman, Don Quixote, Mittelalter, Kreuzzüge, Burgen, Schlösser, Minnesänger, Parcival, Artos, Tafelrunde
„Wie? Die irrende Ritterschaft?“ wird man fragen. „Aber die hat ja niemals existiert!“ — Es ist ein Einwurf, der schon dem edeln und sinnreichen Sohn der Mancha gemacht wurde und seitdem eine bekannte Sache geworden ist. Wir müssen seine Wahrheit zugeben. Solche irrende Ritter, welchen Don Quixote nachstrebte, solche, welche den Vorbildern der bretonischen Epen oder der spätern Romane genau und erschöpfend entsprochen hätten, solche gab es allerdings nicht.

Dennoch aber ist geschichtliche Wahrheit dabei. Die Romanhelden waren Kinder des Zeitgeistes, sie haben ihren Widerschein in das Leben geworfen, und dieser Widerschein leuchtete stark genug, um seinerseits mit Reflexen in die Dichtung zurückzustrahlen, sie neu zu beleben und neu zu gestalten. Diese Wechselbeziehung und Wechselwirkung dauerte wenigstens vom Anfang des 12. Jahrhunderts an bis zum Ende des 16. Jahrhunderts und lässt sich deutlich verfolgen. Ganz im allgemeinen gesagt, lässt sich das Verhältnis so auffassen, dass die irrenden Ritter des bretonischen Sagenkreises in der Dichtung den Anfang machen, alsdann unter ihrem Einfluss sich ähnliche Erscheinungen in der Wirklichkeit zeigen, aber durchaus nicht vereinzelt, sondern allgemein und kräftig genug, um durch den veränderten Geist des Rittertums noch einmal die dichterische Phantasie zu entzünden und durch sie eine neue Art irrender Romanhelden zu erzeugen, welche von der ersten wesentlich verschieden ist. Diesen neuen Rittern entspricht dann in der Wirklichkeit nur noch eine allgemeine Abenteuerlust und die Spielerei höfischer Festlichkeiten, oder die Verrücktheit der durch die Lektüre verderbten Köpfe und schließlich das Hohngelächter des gesunden Menschenverstandes.

Hier liegt der Punkt, um den sich unsere Untersuchung bewegen wird. Nicht die Romanhelden sind es, welche den Gegenstand unserer Darstellung bilden werden, sondern im Zusammenhange mit der Dichtung ihre Abbilder im wirklichen Leben, oder richtiger gesagt, alles dasjenige, was Ähnliches in der Geschichte des Mittelalters auftritt, sei es nun direkte Nachahmung oder sei es nur von gleichem Charakter und aus dem gleichen Geiste geboren, dem die irrenden Ritter entsprossen sind. Im wesentlichen sind es also die Exzentrizitäten des Rittertums, wenn auch nicht alle derselben, die wir zu schildern haben, gewissermaßen die Taten der vom Wege des verständigen Handelns abirrenden Ritterschaft, deren höchste und pikanteste Blüte, ja folgerichtigster Typus eben der irrende Romanheld ist. Ihn hat man als die äußerste, auf die Spitze getriebene Konsequenz des Rittergelübdes zu betrachten.

Wie gesagt, machen die Helden der bretonischen Sagen den Anfang. Schon in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts, als sich die übrige höfische Dichtung des Abendlandes kaum aus dem Schlafe erhebt, als das Rittertum noch nach Gestaltung ringt, da erscheint schon der ganze Kreis von König Artus und seiner Tafelrunde in seinem Charakter, in Sitten und Taten fertig und fast geschlossen. Die Chronik Gottfrieds von Monmouth, der zwischen 1130 und 1150 schrieb, berichtet davon gleich wie ein Ritterepos.

König Artus, den Wales, Cornwallis und die Bretagne gleicherweise als den Ihrigen in Anspruch nehmen, hält seinen glänzenden Hof, den Sammelpunkt aller Ritter von nah und fern, insbesondere aber jener bestimmten Zahl, deren Taten sie würdig gemacht hatten, Mitglieder des geschlossenen Kreises der Tafelrunde zu sein. Zu ihm kehren sie von allen Fahrten wieder zurück. Er selbst, der König, hat seinen Ruhm und seine Taten hinter sich; er kämpft nicht mehr mit, er ruht aus, nachdem ihn die Sage noch einen Zug nach Jerusalem hat machen lassen, und begnügt sich, der königliche Wirt, die gekrönte Spitze dieser glänzenden Gesellschaft zu sein. Aber die Ritter in seinem Dienst sind unermüdet zu neuen Waffentaten, wo sich nur eine Aussicht dazu bietet, ja es heißt, dass man sich an der Tafelrunde nicht eher zu Tische setze, als bis ein Abenteuer bestanden sei.

Diese Taten und Abenteuer haben zu der genannten Zeit in den welschen Erzählungen schon allen politischen oder vaterländischen Charakter abgestreift. König Artus ist nicht mehr ein nationaler Held, sondern das allgemeine Vorbild des Rittertums. Seine Genossen und Diener ziehen aus, getrieben von dem reinen Drange zu Wagnissen und Kämpfen, ganz ziel- und zwecklos, womöglich aus unbekannten, noch nicht betretenen Pfaden, durch öde Gegenden und den wilden Wald, wo sich am ersten noch Neues und Unerhörtes vermuten ließ. Sie gehen auf das Suchen aus, sei es dass ihnen ein anderer Ritter entgegenträte, der mit ihnen um die Ehre des Sieges einen Kampf bestände, sei es dass sich ein Abenteuer von wunderbarer Art darböte, daran die Phantasie der Bretonen und Waliser sich überfruchtbar zeigt. An Riesen und wunderkräftigen Zwergen, an verzauberten Brunnen und Bäumen, an Zauberschlössern und gebannten Frauen, die zu erlösen sind, an Drachen und Schlangen, an Steinen und Ringen mit Zauberkräften, an Wassernieren und der lustigen Geisterwelt, an diesem ganzen Apparat der Märchen ist kein Mangel. Es ist fast selbstverständlich, dass der Ritter aus allen solchen Fährlichkeiten mit und ohne Hilfe befreundeter Geister, meist nach anfänglicher Trübsal und mancherlei Not, endlich siegreich hervorgehe; nur erscheint es wie eine Art Bedingung seines Standes, dass er allein für seine Person, ohne andere Genossen das Abenteuer vollführe. Die Kraft des eigenen Armes, der eigene Mut, allenfalls noch List und Verschlagenheit waren die Mittel, auf die er sich zu stützen hatte. Allein zog er aus, höchstens dass er sich für eine Zeit mit einem andern Genossen zur Waffenbrüderschaft vereinigte.

Von den geistigen Gefühlen und der Übersinnlichkeit, welche dem Ritterstand in seiner Blütezeit sein eigentümliches Wesen gaben, zeigt sich bei Artus' Kämpfern kaum noch die Spur in den welschen Dichtungen vor 1156. Es ist eine ungefüge, materielle Gesellschaft. Mit dem Glauben und noch viel weniger mit religiöser Schwärmerei haben sie gar nichts zu tun und kaum schon etwas mit der Galanterie. Die Lehren, welche in der Erzählung von Peredur (Parzival) die Mutter ihrem Sohne aus die Fahrt nach der Ritterschaft mitgibt, enthalten zwar schon Anklänge davon, aber diese finden in den Dichtungen selbst kaum ihre Verwirklichung. „Ziehe hin“, spricht sie, „an den Hof des Arthur, wo die besten, kühnsten und hochherzigsten Menschen sind. Wo du eine Kirche sehen solltest, wiederhole vor derselben dein Paternoster. Und wo du Speise und Trank antriffst und du bedarfst dessen, und sollte niemand die Höflichkeit haben dir davon anzubieten, so lange selbst zu. Wenn du ein Geschrei hörst, so schreite darauf zu, namentlich beim Geschrei eines Weibes. Siehst du ein schönes Kleinod, so bemächtige dich dessen und gib es einem andern, denn damit wirst du großes Lob verdienen. Wenn du eine schöne Frau erblickst, so bezeige ihr große Höflichkeit, sie möge sie wollen oder nicht; denn dadurch wirst du dich zu einem bessern und geschätzteren Manne machen, als du ehedem warst.“ (San-Marte.)

Man muss gestehen, wenn das der Sittencodex, die Summe der Lehren für die irrende Ritterschaft von der Tafelrunde ist, so waren sie weit entfernt nicht bloß von jenen Gesetzen der Ehre und der Galanterie, welche nach dem Vorbilde der spätern Romanhelden Don Quixote, der Spiegel und die Blume der Ritterschaft, aufstellt, sondern auch weit zurück hinter den Lehren, welche Gurnemans in Wolframs Bearbeitung der Peredursage dem jungen Parcival erteilt. Und weiter noch zurück zeigen sich Artus' Helden in ihrem wirklichen Betragen gegen die Damen. Zwar verfehlen sie nie ihre Pflicht zu tun, wenn sie eine Dame in Bedrängnis sehen, und zu ihrer Befreiung sich in das gefährlichste Unternehmen einzulassen; aber es geschieht weniger um der Dame willen, als weil es ein Abenteuer gilt, das zu bestehen einmal in ihrem Berufe liegt. Ihre etwaige Huldigung an die Frauen gilt noch nicht dem ganzen Geschlecht als solchem, sondern höchstens der einzigen, die sie erkoren haben, obwohl eine Dame einem irrenden Ritter noch keineswegs so nötig erscheint wie später. Auch sehen wir zum öfteren, wie sie es an der erforderlichen Artigkeit ermangeln lassen, ja das schöne Geschlecht ist noch nicht einmal vor Schlägen von Seiten der Ritter sichergestellt.

So notwendig die Damen dem Hofe des Königs Artus und den Tafelrundern sind, so ist die Achtung, die ihnen gezollt wird, wie wir hieraus erkennen, noch nicht sehr hoch und gleicht noch durchaus nicht dem Kultus, der ihnen später gewidmet wurde. Daher steht auch die Sittlichkeit auf einer sehr niedrigen Stufe und wird sehr materiell aufgefasst. Mehrere Proben sollen beweisen, dass alle Damen von Artus' Hof, die Königin selbst nicht ausgenommen, ihrem Galan oder Gatten, außer einer einzigen, die Treue nicht bewahrt haben; so die Geschichte von dem wunderbaren Mantel, den alle anlegen müssen, der aber allein der Treuen passt, während er den übrigen allen entweder zu kurz oder zu lang wird. Merkwürdige Beispiele von den Begriffen, welche man über Ehre und Sittlichkeit, besonders auch über die Ehe hat, gibt die Erzählung von Lancelot vom See, der als der Leichtfertigste in diesem leichtfertigen Kreise erscheint. Nachdem er unter anderem mit der Tochter eines Burgherrn, bei dem er zu Gaste ist, eine Liebesszene gehabt hat, wird er vom Vater zur Rede gestellt und zum Kampf mit Messerwerfen herausgefordert; Lancelot aber weiß den Sieg nur zu gewinnen, indem er den Gegner in ziemlich meuchelmörderischer Weise tot sticht. Alsdann lebt die Tochter mit dem Mörder ihres Vaters als sein Weib weiter, bis es ihm plötzlich einfällt sie zu verlassen und weiter zu ziehen. Ähnlich macht er es mit Iblis, der Tochter Iverets, des Ritters vom Brunnen; er tötet ihr den Vater und heiratet sie selbst. Es ist dieselbe Geschichte, die im Iwein, dem Ritter mit dem Löwen, erzählt wird, nur dass dieser den Gemahl tötet und die Witwe heiratet. Solche Sittenzüge der alten welschen Sage zwingen selbst den deutschen Bearbeitern ein Staunen ab, sodass sie es für nötig halten, sich deshalb bei ihren Lesern zu entschuldigen.

Wie mit ihrer Galanterie, so steht es überhaupt mit der Ritterschaft der Tafelrunde. Sie nennen sich zwar Ritter, halten auch schon große Turniere wie Einzelkämpfe, aber die Formen sind doch noch wenig ausgebildet, namentlich finden wir noch nichts von dem Zeremoniel bei Erteilung der Ritterwürde. Nur einzelne Züge, die den irrenden Rittern eigentümlich geblieben sind, zeigen sich schon damals, so z. B. die wunderlichen Gelübde, das und das zu tun oder zu unterlassen, bis ein anderes stattgefunden hat, obwohl auch diese mit der Galanterie und überhaupt den geistigen Seiten des Rittertums erst im südlichen Frankreich ihre rechte Ausbildung erhielten und von da in die bretonische, die nordfranzösische und die deutsche Dichtung hinübergingen. So sagt Peredur zur Angharad mit der goldenen Hand, als sie ihm Gegenliebe verweigert: „Ich beteuere dir, dass ich nicht eher zu einem Christen sprechen werde, als bis du mich liebst über alle Männer!“ Er hielt auch dies Gelübde, sodass er den Beinamen des stummen Jünglings bekam, bis endlich das in Erfüllung ging, weshalb er sein Gelübde gethan. Eine Erweiterung hiervon finden wir später im Parzival, wo Kunneware gelobt hat, nicht eher zu lachen, bis sie den gesehen, der den höchsten Preis des Ritters verdiene, — und Antanor: nicht eher zu sprechen, als bis Kunneware gelacht habe. Beides geht in Erfüllung, wie die erstere Parzival in seiner Narrenkleidung erblickt.

Sehen wir uns nun für diese irrenden Helden der bretonischen Sagen in der ritterlichen Welt der Christenheit, das heißt vor 1150, nach Vorbildern um, denen sie nachgebildet sein könnten, so ist unser Bemühen vergeblich und wir müssen zugeben, dass sie im wesentlichen Geschöpfe der walisisch-bretonischen Bardenphantasie sind. Allerdings haben Arthur und Erec und Gawan und andere einmal Wirklichkeit in der Geschichte gehabt, aber diese Zeiten liegen so fernab von der Ritterlichkeit und waren so anders geartet, dass dieselben Persönlichkeiten nun im 12. Jahrhundert als ganz neue Wesen erscheinen, die von ihrer eigenen Geschichte und selbst von ihrem heimatlichen Boden nichts mehr als den Namen übrig haben. Die Ursachen, welche diese Umwandelung veranlassten, liegen in den wiederholten Wanderungen hinüber und herüber zwischen Wales, Cornwallis und der Bretagne von den Kämpfen gegen die Sachsen an bis zum Zuge Wilhelms des Eroberers, der viele Bretonen wie zur Vergeltung mit nach England hinüberführte; sodann in den Fahrten der Barden und einzelner Kämpfer von einem der kleinen Fürstensitze zum andern oder über den Kanal her und hin, und endlich in dem außerordentlichen Reichtum des walisischen Volksstammes an Wundern und Zaubereien, an Geistern und Dämonen, den derselbe aus dem Heidentum herübergenommen und allerorten sich bewahrt hat, wo er auch hingekommen und sesshaft geworden ist.

Hier sind allerdings die Elemente der irrenden Helden vorhanden, aber es hätte ihnen ein Wesentliches gefehlt, sie wären eben nicht Ritter geworden, wenn nicht in der Bretagne die walisische Phantasie mit dem auslebenden französischen Rittergeist in Verbindung gerathen wäre. Von ihm entzündet, war das wohleingerichtete Institut der welschen Barden schnell fertig mit der Umwandelung der Sagen und Helden im Geiste der Zeit, um diese zu Vorbildern, jene aber zur allgemeinen Lieblingslektüre zu machen.

Indessen wenn wir, wie gesagt, in der romanischen und deutschen Ritterwelt auch nicht die irrenden Ritter mit ihrem ziellosen Umhersuchen nach Abenteuern finden, so stoßen wir doch, auch abgesehen von dem allgemeinen Rittergeist, schon aus manche verwandte Erscheinungen. Bereits mehrere Jahrzehnte ist die Welt durch die Kreuzzüge auf das mächtigste aufgeregt, und schon vorher, ehe sie ihren eigentlichen Anfang nahmen, war im 11. Jahrhundert der Drang zur Wanderung, zur Pilgerfahrt so gewaltig, dass oftmals Tausende vor der heiligen Stadt Jerusalem und in derselben lagerten, ihre Andacht an den heiligen Stätten zu verrichten. Und Fürsten, Grafen, Barone, Bischöfe und edle Frauen waren unter ihnen. So zogen im Jahre 1065 deutsche Bischöfe mit einem Gefolge von 7.000 Personen nach dem Gelobten Lande. Schon aber war bei vielen nicht mehr die Frömmigkeit das Motiv der Reise, sondern der reine Drang nach Abenteuern, die Sehnsucht nach Neuem und Unerhörtem, die Befriedigung der aufgeregten Phantasie, das Vergnügen, welches sie nach der Rückkehr genießen würden, wenn sie von ihren Taten und Leiden zu erzählen hätten, von den Wundern selbst, die sie erlebt, denn der Orient wirrte mit seinen größeren Reizen so auf die ohnehin erregten und gespannten Sinne ein, dass sie, wo keine waren, doch überall Wunder zu sehen glaubten.

Nun kamen denn die Kreuzzüge selbst hinzu und machten gleichsam die ganzen Völker zu irrenden Rittern, indem sie dieselben auf die weite Bahn der unbekannten Abenteuer und Gefahren hinauswarfen, allerdings mit dem wesentlichen Unterschiede, dass es diesmal ein bestimmtes und gemeinsames Ziel galt, und noch dazu ein tiefinnerliches und geistiges, von dem die Tafelrunde damals noch keine Ahnung hatte. Welche äußere Motive auch sonst mit im Spiele gewesen sein mögen, so wird sich im allgemeinen die Inbrunst der Pilger und ihre Wahrheit und Aufrichtigkeit nicht in Abrede stellen lassen, wenn z. B. ein gleichzeitiger Schriftsteller erzählt, herumgehend um die heiligen Stätten hätten sie in tiefster Demut die Erde geküsst und kaum fortgerissen werden können, um andern Platz zu machen, die von der gleichen Liebe und Sehnsucht erfüllt gewesen wären. Ebenso wenig ist in die Wahrheit des allerdings ausfallenden Betragens der Wallfahrer bei der Eroberung von Jerusalem auch nur der geringste Zweifel zu setzen. Nachdem sie wie die Würgengel durch die Straßen gezogen sind, das fürchterlichste Gemetzel angestellt und sich mit allen Lastern, mit Raub, Mord und Schlimmerem noch befleckt haben, so vernehmen wir, wie sie auf einmal die triefenden Waffen beiseite legen, sich von dem Blute reinigen und mit entblößtem Haupt und entblößten Füßen zu den heiligen Stätten eilen, die noch rauchen von dem Blut, das sie selbst dort vergossen haben. Und nun wallen sie umher und singen und beten, und ihre Lobgesänge zu Ehren Gottes mischen sich noch mit dem Gewinsel der Sterbenden, und viele kommen, die ihren Raub wieder dem Herrn opfern und ihre Beute den Alten, den Armen und den Kranken darbringen, während andere reuevoll ihre Sünden bekennen und Besserung geloben. Das war freilich ein anderer Geist, von dem die Ritter der Tafelrunde bis dahin nichts wussten.

Was die Kreuzfahrer an Gefahren und Abenteuern zu bestehen hatten, was sie an Wunderbarem erlebten oder zu erleben glaubten, kann gewiss mit den Begebenheiten der irrenden Ritter verglichen werden. Dies gilt für diejenigen, welche mit den großen Heeren zogen, und viel mehr noch für jene Unzähligen, welche einzeln nachkamen oder welche der Zufall oder ihr Ungestüm von den Genossen verschlagen und so unfreiwillig zu irrenden Abenteurern gemacht hatte. Ihnen drohten die Leiden und Unfälle des Meeres, die vermeinten Ungeheuer der Tiefe, das Schwert der Feinde und das Gift der Seuchen; sie mussten trotzen dem Hunger und dem Durst, dem Sonnenbrand und den wilden Tieren der Wüste, der feindlichen Gefangenschaft, den Arbeiten der Sklaverei und den Qualen und Martern, welche bei solchem Lose den christlichen Gefangenen von ihren Herren und Peinigern angetan wurden. Und hierzu gesellten sich noch die Dämonen aller Art, mit denen ihr Aberglaube den Orient bevölkerte, und die Zauberkünste, die er den Heiden zuschrieb, gegen deren teuflische Macht der christliche Streiter Gottes anzukämpfen hatte. Dafür verließ er sich freilich auch seinerseits auf göttlichen Beistand, denn auf das Gebot des Herrn war er ja ausgezogen mit dem Losungsworte: „Gott will es!“ Und so sah er denn wirklich Erscheinungen vom Himmel gesendet — oder glaubte sie zu sehen, die zu seiner Hilfe kamen: lichte Ritter, die sich in den Wolken zeigten und die Feinde blendeten, andere, welche den Heeren zum Kampf vorausgingen, oder himmlische Männer, welche die verirrten Pilger wieder auf den rechten Weg brachten; er sah die Wunder des heiligen Kreuzes und erkannte leibhaftig die heilige Jungfrau. So konnte es denn wohl einzelnen, wenn auch wenigen geschehen, dass ihnen ein Glück zu Teil wurde, wie es bei den Irrenden der Dichtung die Regel war, dass sie sich durch die Kraft ihres Armes und unter Gottes Beistand (noch nicht unter dem ihrer Geliebten, wie später) ein Königreich oder wenigstens eine Grafschaft eroberten, oder, wie der Graf von Gleichen, eine morgenländische heidnische Prinzessin mit nach Hause brachten, die sich in den gefangenen Christenritter verliebt hatte und mit ihm unter allen möglichen Fährlichkeiten glücklich entflohen war.

Wie sehr sich die Volksphantasie die Kreuzfahrt den Abenteuerzügen der Irrenden gleichdachte, das lehrt am besten das Volksgedicht vom Herzog Ernst, in dessen Kreuzfahrt sich alle Wundergeschichten der alten und der orientalischen Welt eingefunden haben. Verschlagen von seinem Ziele, findet er auf Cypern einen Wunderpalast, der dem König eines Kranichvolks gehört, das für seinen Gebieter eine Königstochter aus Indien geraubt hat. Aus diesem Abenteuer ist er glücklich heraus, da wird sein Schiff im Lebermeer an den Magnetberg gezogen und zertrümmert, und hier entgeht er nur mit wenigen Genossen dem Hungertode, indem sie sich in frische Häute nähen und von den Greifen forttragen lassen. Erst nach mannigfachen Gefahren und Kämpfen für oder wider die einäugigen Arimaspen und die Plattfüße, die Langohren und die Pygmäen und Riesen sieht er sein Vaterland wieder.

Außer diesem allgemeinen Charakter sind aber solche einzelne Züge aus den frühern Kreuzzügen selten, welche an die Weise der irrenden Ritter erinnern. Namentlich tritt der Hang zu Einzelkämpfen und Einzelunternehmungen noch wenig hervor. Nur was Anna Komnena von dem Grafen Robert von Paris bei seinem Aufenthalt in Konstantinopel erzählt, sieht wirklich aus wir eine Episode aus einem Roman der Tafelrunde. Bei der Eidesleistung der Kreuzfahrer setzte sich dieser Ritter trotzig neben den griechischen Kaiser auf seinen Thron, und der Kaiser wagte nicht ihn hinwegzuweisen. Graf Balduin jedoch führte ihn bei der Hand herunter und verwies ihm seine Unart; er aber richtete zornig seinen Blick auf den Kaiser zurück und rief: „Welch ein grober Mensch, der da sitzt, während so viele vornehme Herren um ihn stehen!“ Als sich der Kaiser nach beendigter Audienz bei ihm über Stand, Geschlecht und Vaterland erkundigen ließ, gab er zur Antwort: „Ich bin ein reiner Franke aus edlem Geschlecht; dies mag dem Kaiser genügen. Nur dieses möge er noch wissen, dass in meinem Vaterlande auf einem Kreuzwege eine uralte Kirche ist, deren Heilige der um Schutz anruft, welcher im Zweikampf seine Tapferkeit erproben will. Hier wartete ich schon vergebens auf einen Gegner, denn niemand wagte einen Kampf mit mir.“ Indessen, wie gesagt, solche Züge, welche direkt an die Sitten der Tafelrunde erinnern, sind vor der Mitte des 12. Jahrhunderts noch selten.

Dürer, der Heilige Georg

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