Die Bedingungen der Produktion.

      Betrachten wir nun noch im Einzelnen die wesentlichsten Bedingungen der Produktion.
      Die Verkehrsmittel sind bereits in Betracht gezogen. Sie genügen im allgemeinen, ebenso die Anzahl der Arbeiter. Auch sind die Preise für beide mäßig. In Einzelfällen hat die Spekulation die Leitung neuer Unternehmungen, welche um jeden Preis ihren Aktionären gute Ausbeuten zeigen wollte, dazu geführt, in einigen Distrikten die Frachten und Arbeitslöhne bis auf das Doppelte und 3 1/2 fache zu treiben, ein Zustand, der keineswegs allgemein ist und da, wo er eintrat, jetzt auch wohl allgemein zurückgeschraubt werden wird. Verfasser, welcher selbst Zinn- und Kupferminen in Bolivien verwaltete, zahlte für 8 Leguas Weg 70 Ctvs. An Arbeitslöhnen: Barreteros Bolivianos 2,00 bis 2,20, Apires 1,50 bis 1,80, Frauen 1,00 bis 1,40 Bols., Preise, die in Anbetracht der hohen Lebensmittelpreise nicht hoch sind.
      Brennmaterial, als: Taquia, der Guano der Llamas, Yareta, eine Art Steinpilz von hoher Heizkraft, sowie Strauchholz sind überall in ausreichender Menge zu angemessenen Preisen zu haben. Wälder besitzt das bolivianische Hochland nicht, auch sind noch keine Kohlen in demselben erbohrt, was die Möglichkeit des Vorkommens der letzteren nicht ausschließt. Sie ist sogar, der geologischen Formation nach, wahrscheinlich. Eine große Anzahl von Bergflüssen sichert an vielen Stellen die Möglichkeit elektrischer Anlagen.
Die meisten dieser Bergflüsse hängen in ihrer Wassermenge zwar vom Regenwasser ab, doch haben sie fast durchweg genug Wasser für Minenzwecke, auch ist viel Gelegenheit, Stauwerke anzulegen. Diese, unendliche, Millionen von Pferdekräften repräsentierenden Wasseradern sind als Kraftquelle bisher fast gar nicht benutzt.
      Die „Alto planicie“ ist im Übrigen ziemlich wasserarm. Der Abfluss des Titicacasee, der Desaguadero, bringt den Überschuss dieses Binnenmeeres und das vom inneren Rande der Kordilleren Zufließende nach dem Lago Poopo. Dort verdunsten oder versinken diese Wassermassen. Ob und wie weit sie auf unterirdischen Wegen die Westküste oder eins der östlichen Stromgebiete erreichen, ist noch ein ungelöstes Problem. Das übrige Wasser der Ostkordillere strömt nach dem Paraguay und Amazonas; das der Westkordillere unterirdisch nach dem Pacific ab.
      Lebensmittel sind überall in ausreichender Menge zu haben sowie Viehfutter, wenn schon zu Preisen, die hoch genannt werden müssen und die die Verproviantierung der Minen zu einem ausgezeichneten landwirtschaftlichen Geschäft machen. Der indianische Arbeiter kommt dabei mit den genannten Löhnen, in der Kupferregion von Corocoro sogar mit nur der Hälfte derselben aus, weil der Genuss von Koka ihm oft die Nahrung ganz ersetzt. Er würde einen höheren Lohn höchstens in Getränken anlegen. Im Übrigen ist er brauchbar und leicht zu leiten.
      Nach beinahe allen Minen kann fast jede Art von Maschinen gebracht werden. Da die Zinnminen meistens hoch liegen, die Aufbereitungsanstalten aber am Fuß der Berge, am Fluss, ist die Anwendung von Drahtseilbahnen häufig.
      Das Klima dürfte nur in Inquisivi und auch dort nur insofern erschwerend sein, als die größere Kälte die Herstellung guter Wohnungen für die Arbeiter verlangt.
      1. Die Kosten der Zinnexploitation sind selbstredend je nach der Anlage sehr verschieden. In einer von mir selbst geleiteten Zinnmine, nahe Oruro, die ein nur fünfprozentiges, sehr eisenschüssiges Material enthielt, welches auf einer alten schlecht arbeitenden Maschine verarbeitet werden musste, wurden mit 7000 Bols, monatliche Kosten 350 qq*) Barilla von 65% erzielt.

      *) qtl = Quintal spanischer Zentner, qq = Plural.


      Die Heizanlagen waren bereits so schlecht, dass täglich 21 Bols, mehr für Brennmaterial ausgegeben werden mussten, als bei besseren Einrichtungen notwendig gewesen wäre. Die Arbeit in der Mine war schlecht angelegt und ebenfalls unnötig teuer. Arbeiterpreise normal. Transport des Rohmetalls nach der Mine kostete das Vierfache dessen, wofür Drahtseilbahnen es besorgt haben würden und so anderes mehr. Nichtsdestoweniger stellten sich die Einstandskosten für 1 qtl Barilla = 46 kg à 65% auf nur 20 Bols., das sind rund 3000 kg %. Fracht zur Station = 0,70 Bols., somit 1 qtl franko Oruro 20,70 Bols.
      Die Exportkosten sind per qtl.:
Analysen 0,10 Bols., Säcke 0,50 Bols., Verfrachtung Eisenbahn 0,10 Bols., Fracht bis Hafen 2,80 Bols., Ausfuhrzoll 2,00 Bols., Police (Bahn 0,10 Bols., an Bord 0,20 Bols., Hafenagent 0,40 Bols., Seefracht 1,50 Bols., Seeversicherung 0,05 Bols., Kosten im Europahafen 0,50 Bols., Schmelze 6,00 Bols., zusammen 14,10 Bols. 3000 kg% kosten mithin 34,80 Bols., 1t=1016,0 kg%, mithin 1183,00 Bols, rund 94 Lstrl. Der niedrigste Preis in 1907 — 1908 war 106 Lstrl., Gewinn per Tonne mithin rund 22 Lstrl., beim höchsten Preis 114 Lstrl., Gewinn per Tonne oder von 1 qtl 5 Lstrl.
      Dieses Resultat gab eine Mine, welche notorisch vernachlässigt war und nur ein inferiores Material zu verarbeiten hatte. Gute Minen mit modernen Einrichtungen und vorteilhaften Produktionsbedingungen können selbstredend viel billiger produzieren. Minen, die auf Spekulation gegründet sind und geleitet werden, arbeiten erklärlicherweise mehrfach so teuer, und es geht ihnen bei 130 Lstrl. schon die Luft aus.
      2. Kupfer. In der Hochebene solches Kupfer zu bearbeiten, welches geschmolzen werden muss, ist zurzeit ein noch zweifelhaftes Unternehmen. Doch gibt es überall so reiche Kupferadern, dass sehr wohl Rohkupfer nach den Schmelzen von Calama an der Antofagastabahn verfrachtet werden kann. In erster Linie aber bleiben hochbeachtenswert die Nativkupfervorkommen von Corocoro in dem bereits vorerwähnten Höhenzug, dessen bekannte Minen noch südlich Corocoro in Callapa-Chacarilla sich befinden. Der Höhenzug setzt sich bis Turco und weiter bis südlich Uyuni fort und birgt immense Schätze eines reichen, leicht zu bearbeitenden Kupfers. Mit Ferraris-Tischen kann dies Kupfer bis über 90 % gearbeitet werden, und es kann eine rationell arbeitende Kupferunternehmung dieser Art sehr wohl die Tonne für 30 Lstrl. nach drüben legen, demnach also selbst bei den jetzigen sehr schlechten Kupferpreisen immer noch über 20 Lstrl. per Tonne verdienen. Ich versage es mir ganz, detaillierte Angaben zu machen, weil das diesen Bericht zu weit ausdehnen würde, bemerke aber, dass ich Interessenten stets mit jeder gewünschten Detailauskunft über alle bolivianischen Sachen zu Diensten stehe. Übrigens ist neuerdings von einem hiesigen Hause in Buenos Aires die Compañia Sudamericana de Cobres de Corocoro mit einem Kapital von 350.000 Lstrl. ins Leben gerufen worden, welche Minen in Corocoro bearbeitet. Wie verlautet, will sich dieselbe weiter ausdehnen. Man kann das unternehmende Haus nur beglückwünschen zu der Auswahl eines so sicheren Metalls wie es das Nativkupfer ist. Sämtliche Corocorogesellschaften, welche zum Teil seit langem bestehen, arbeiten mit großem Nutzen. In Chararilla hat ebenfalls ein argentinischer Unternehmer, Herr Leopoldo A. Meyer, ein Minenunternehmen.
      3. Silber. Der Bergbau auf dieses Metall findet an verschiedenen Stellen, hauptsächlich aber um Colquechaca und Potosi herum, statt. Silber kommt meist mit Kupfer oder Blei vor. Die Resultate waren in alten gutgeleiteten Minen bisher noch befriedigende.
      4. Wolfram, dessen hoher Preis neuerdings eine lebhafte Suche nach Terrains veranlasste, wird jetzt bereits an vielen Stellen, aber immer nur vorläufig oberflächlich und in kleinem Maßstab abgebaut, da die Industrie noch zu neu, bei der beschränkten Verwendung des Wolfram es auch bezweifelt wird, ob sich die Preise halten werden. Die Gewinne waren bisher bedeutende, da sich Einstandskosten vielfach auf nur 10 bis 12 Bols, per Quintal stellen, bei einem Preis von fast 1200 Bols, per Tonne in Europa. —
      5. Gold hat trotz der Reichhaltigkeit der unzähligen Vorkommen gar kein Interesse. Diejenigen Nationen, welche sich auf den Goldbergbau verstehen, haben genügend Beschäftigung im eigenen Lande, und das sind die Engländer und Yankees. Werden die Lagerstellen in jenen Ländern einmal erschöpft, so wird bolivianisches Gold sofort in die erste Reihe des Interesses rücken und wahrscheinlich an vielen Stellen mit gleichem Erfolge abgebaut werden, wie ihn die Inca Mining Co. in Südperu in der Mine Santo Domingo hat, von wo monatlich zwischen sechs und zehn Zentner Gold nach den Staaten gesandt werden.
      In Bolivien haben sich früher Gesellschaften für den Abbau von Goldquarzgängen gebildet, indes mit zu geringem Kapital, welches zur Hälfte auch noch andere Abflusskanäle fand als gerade das Unternehmen selbst. Auf Seifen haben Einzelunternehmer mehrfach sehr gute Erfolge gehabt; inländische Gesellschaften haben sich nicht gebildet, und die einzige ausländische, die in den letzten Jahren entstand, verausgabte auf einem Terrain, auf dem ein Einzelunternehmer vorher reich wurde, 1.200.000 Bols, ohne Erfolg. Einem vor einer Reihe von Jahren gebildeten Yankeeunternehmen ging es genau ebenso. Merkwürdigerweise war der erste Leiter desselben ein alter Apotheker, welcher nie einen Lavadero (Wäsche) gesehen und die lokalen Verhältnisse gänzlich außeracht ließ. Das Gold der Lavaderos ist im allgemeinen grob und daher dem Diebstahl sehr ausgesetzt. Daher konnte z. B. eine Arbeiterfrau von jenem Unternehmen monatlich für Tausende Goldpepas verkaufen, während das Unternehmen selbst nicht reüssierte. Dasselbe war im Übrigen auf falschen Voraussetzungen basiert und konnte in dieser Weise geleitet, nie Erfolg haben.
      Es unterliegt gar keinem Zweifel, dass von sachverständigen Leuten gewerbsmäßig eingerichtete und ehrlich geleitete Unternehmungen, deren sich unendlich viele einrichten ließen, gut reüssieren würden. Unternehmungen, die auf falscher Basis gemacht werden und bei denen keine genügende Kontrolle vorhanden ist, müssen zugrunde gehen.
      Viele andere Metalle werden teils allein gearbeitet, wie Wismut, teils als Nebenprodukte gewonnen, wie Blei und Zink. Das häufig vorkommende Antimon ist zurzeit ganz entwertet. Fragt jemand, ob es lohnt, Minen in Bolivien zu bearbeiten, so kann nur geantwortet werden, dass, wenn richtig angelegt und ehrlich geleitet wird, es kaum eine bessere Kapitalanlage gibt, falsch angefangen, wird das Kapital wahrscheinlich verloren sein.
      Um ein Beispiel im Zinnbergbau anzuführen: es ist jederzeit möglich, mit 40.000 Lstrl. eine Mine zu kaufen und einzurichten, für eine tägliche Ausbeute von mindestens 140 qtl Barilla à 5%. Dies ergäbe bei 1.214 t Ausbeute in einem Geschäftsjahr von 300 Tagen und bei einem Preis des Zinns von nur 130 Lstrl., einen Reingewinn von Kosten zu 1.000 Lstrl. gerechnet, 36.420 Lstrl. oder über 90 %. Uber Kupfer (Nativ) liegt mir im Augenblick ein „informe“ (Bericht) aus der Region Corocoro vor, welches bei einer Investierung von rund 110.000 Bols, außer dem Erwerbspreis, — und dieser besteht, wenn man die Terrains fordert, in höchstens 2.000 Bols. — , einen Reingewinn von etwa 40.000 Lstrl. konstatiert, bei einem Kupferpreis von nur 60 Lstrl. Es mag hiernach jeder selbst entscheiden, ob es für ihn lohnt, nach Bolivien zu gehen. Zu bemerken wäre nur noch: Die Cia. Sudamericana de Cobres de Corocoro will sich jetzt ausdehnen. Die bedeutendsten in Deutschland und Nordamerika vertretenen Schmelzwerke von Aaron Hirsch & Co. haben jetzt einen Agenten in Bolivien, um Verträge über Minen- und Metallieferungen abzuschließen.
      Dieser ist seit Monaten in Oruro und La Paz. Die bedeutendste Waffen- und Panzerfirma der Welt sucht gerade jetzt Kupferminen in Bolivien zu kaufen. Es lässt sich annehmen, dass diese Firmen sich über die Zukunft klar sind und zur rechten Zeit säen, um reichlich ernten zu können.