Deutsche Siedlungen in Palästina. Mit vier Bildern.

Aus: Das Buch für Alle. Illustrierte Familienschrift. Zeitbilder. Heft 1. 1922
Autor: J. Knoll, Erscheinungsjahr: 1922

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Themenbereiche
Enthaltene Themen: Palästina, Auswanderung, Auswanderer, Heimat, Deutsche, Templer, Kolonien, Vaterland,
Die Bewegung der „Templer“, die zur Ansiedlung Deutscher in Palästina führte, ist von Württemberg ausgegangen; 1853 wurde das Panier Jerusalem aufgeworfen, fünf Jahre danach schlossen sich einundsechzig Männer zu einer selbständigen Gesellschaft zusammen, und im Jahre 1868 begann die praktische Arbeit. Fieber und Krankheiten, Dürre des Landes, Schwierigkeiten mit der arabischen Bevölkerung und der türkischen Regierung schienen im höchsten Grade danach geartet, das ganze Werk zum Scheitern zu bringen. Mit hohem Glaubensmut und beharrlichem, eisernem Fleiß wurden die Ansiedlungen als feste Punkte späterer ausgedehnter Wirkung angelegt. So entstanden im Laufe der Zeit Siedlungen in Jaffa, Haifa, Sarona, Jerusalem, Wilhelma, Nazareth, Ramleh. Die ersten Jahre der Niederlassungen waren der schweren und harten praktischen Arbeit der Kolonisation gewidmet unter vielen Mühen und Verlusten. Aber die meisten Siedler hielten im Herzen treu an ihren Überzeugungen fest, und wie das äußere, so ging auch das geistige Werk weiter.

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Als vor reichlich einem halben Jahrhundert deutsche Ansiedler nach Palästina kamen, gab es bei Jaffa wohl Orangenkulturen, aber die meisten befanden sich in einem traurigen Zustand, da es an Wasser fehlte. Verfallene Brunnen und Bewässerungsanlagen zeugten davon, dass es einst besser gewesen sein musste. Da die Orangen meist nur im Lande und in den Nachbargebieten begehrt wurden, dachten die Eingewanderten vorerst nicht an den Anbau der Fruchtbäume und versuchten es mit Getreide. Bald pflanzten sie aber auch Weinreben an, da die verfügbare Bodenfläche für Getreide nicht groß genug war. Allmählich fanden sich für die Palästinaweine in Ägypten und Europa doch gute Absatzgebiete. Eine Krise im Weinexport machte die Hoffnungen wieder zunichte, während der Orangenhandel besser gedieh. Zudem zeigte sich, dass zur Anlage von Orangenpflanzungen fast jede Bodenart zu brauchen war, wenn sich auch leichtere Böden als die besten erwiesen. Ohne die zähe Beharrlichkeit der Siedler wäre aber doch nichts Beachtenswertes geleistet worden. Um das Land zum Anbau queckenfrei zu bekommen, musste es in den trockenen Sommermonaten mit Hacke und Tiefkulturpflug sechzig bis hundert Zentimeter tief bearbeitet werden. Nachdem das Land etwa zwei Monate trocken lag, pflanzte man in Abständen von drei Meter wilde Limonenbäumchen an, die vorher aus Samen oder Stecklingen gezogen wurden. Brunnen mussten gegraben werden, die im besten Falle bei einer Tiefe von zehn bis zwanzig Meter Wasser lieferten. Meist reichte jedoch die daraus gewonnene Wassermenge nicht aus, und es mussten Tiefbohrungen, manchmal bis zu hundert Meter, vorgenommen werden. Das Wasser wurde meist durch Schöpfwerke zutage gefördert, die früher durch Zugtiere, dann aber mit Petroleummotoren betrieben wurden. Die wilden Limonenbäume müssen im zweiten Jahre durch Okulieren veredelt werden; sie gedeihen nur bei fortgesetzter Pflege. Alljährlich im Frühling wird der Boden zweimal gehackt; in den größeren Gärten sind oft Wochen hindurch dreißig bis hundert Menschen tätig. Wenn der Sommer beginnt, wird um jeden Baum ein großer Graben angelegt, und die Bewässerung beginnt. Bei ausreichender Düngung, wozu man in neuerer Zeit Kunstdünger einführte, vergehen fünf bis sechs Jahre, bis eine Orangenanlage Früchte trägt. In der Vorkriegszeit betrugen die Kosten während dieser Zeit für das Hektar über zehntausend Mark; die späteren jährlichen Betriebskosten erforderten dann noch etwa achthundert Mark, denen eine Bruttoeinnahme von ungefähr achtzehnhundert Mark entsprach.

Zur Blütenzeit bringt der Orangenbaum unzählige blendend weiße, stark duftende Blüten hervor, die von Bienen aufgesucht werden. Das Aroma des Orangenblütenhonigs, der zwar als „hervorragend“ galt, ist so eigenartig, dass man den Honig in Deutschland als „unecht“ bezeichnete. Der mit hundert bis fünfhundert goldgelben Früchten behangene Baum bietet eine köstliche Augenweide.

Zur Erntezeit waren zahllose Hände mit dem Abschneiden der Orangen und dem Sortieren und sorgfältigen Verpacken in Seidenpapier beschäftigt. In den Jahren vor 1914 gab es nicht mehr genug Kamele zum Transport der Millionen von Kisten, die nach dem Hafen geschafft werden sollten. Man musste Wagen dazu verwenden. In Jaffa beförderten große Frachtboote die Ernte nach den wöchentlich ein- bis zweimal im Hafen anlaufenden Schiffen, die für die Aufnahme von Orangen besonders eingerichtet sein mussten. Die meisten Sendungen gingen nach Liverpool, viele aber auch nach Ägypten, Konstantinopel, Odessa und für Deutschland nach Triest und Hamburg.

In Palästina bestanden 1914 insgesamt sieben deutsche Kolonien mit ungefähr viertausend Seelen. Fast alle Siedlungen waren von Württembergern gegründet. Die Mittelpunkte dieser auf zwölf bis fünfzehn Millionen Mark geschätzten Kolonien waren Jaffa und Haifa. In der Siedlung Wilhelma bestand die erste landwirtschaftliche Schule, die für die gesamte Bodenbewirtschaftung Palästinas Mustergültiges leistete. Von der unermüdlichen Tätigkeit der deutschen Siedler ging für das ganze Land der größte Segen aus, da unter den schwierigsten Bedingungen die Wüste und das Ödland, das sie hier vorfanden, zu fruchtbaren Äckern umgestaltet werden musste. Mit unendlichem Fleiß hatten deutsche Siedler umfassende Kulturen angelegt und Tausenden von Menschen Arbeit und Verdienst verschafft.

In der ersten Zeit wurde die Arbeit durch Missernten sowie den Mangel an allen notwendigen landwirtschaftlichen Hilfsmitteln ungeheuer erschwert. Aber mit einer eisernen Zähigkeit verfolgten die Schwaben ihr Ziel, führten moderne landwirtschaftliche Maschinen ein, gründeten eine Molkereigenossenschaft, eine Weinbaugemeinschaft, eine Maschinenfabrik und vieles andere mehr. Brunnenanlagen waren mit Hilfe deutscher Motoren geschaffen, und die Kolonien entwickelten sich immer mehr. Da kam der Krieg. Von ihrem Besitz vertrieben, wies man die Deutschen aus und internierte sie. Viele der Gärten, die mit saurem Schweiß angelegt und gepflegt waren, gingen ein; da es an Petroleum fehlte, konnte kein Wasser mehr gepumpt werden. Doch wozu all das Elend schildern, das im Gefolge des Kriegs auch über diesen Erdenwinkel kam? Jahre vergingen, bis einem Teil der Palästinadeutschen die Rückkehr wieder erlaubt wurde. Sie haben die schwere Aufgabe, unverdrossen wieder instand zu setzen, was in den Jahren seit ihrer Vertreibung verlottert und verwüstet ist, wieder aufs Neue mit ihrem Wissen und Können, ihren Erfahrungen und ihrem Arbeitswillen aufzubauen, was von früher mühsam dem Boden Abgerungenem inzwischen eingegangen ist. Professor Warburg, der Herausgeber des „Tropenpflanzer“, wird die Leitung der Landwirtschaftlichen Versuchsanstalt übernehmen, und mit ihm werden andere das Werk in den deutschen Siedlungen wieder aufrichten. Auch hat man seit Anfang Juli 1921 englischerseits das Syrische Waisenhaus in Jerusalem dem deutschen Direktor D. Theodor Schneller wieder übergeben. Dass auch in Palästina das Leben teuer geworden ist, geht aus Folgendem hervor. Früher benötigte man im Syrischen Waisenhaus für Kost, Kleidung, Werkstätten, Baulichkeiten und Gehalt bei dreihundert Jerusalemer Zöglingen jährlich achtzigtausend Mark, jetzt sollten für vierhundertfünfzig Zöglinge nahezu drei Millionen Mark aufgebracht werden.

Die Zeitschrift „Der Auslandsdeutsche“ erhielt kürzlich aus Palästina die Nachricht: „Ist auch der Wiederaufbau deutscher Werke wie vor 1914 nicht möglich, so hat deutsche Schaffensfreude dennoch wiederum manches erreicht, und es wird ihr gewiss noch mehr gelingen, wenn im Lande wie in der Heimat alles in Ruhe bleibt. Handel und Schiffsverkehr mit Deutschland nimmt langsam aber stetig zu; verschiedene Geschäfte sind wieder in voller Tätigkeit.“ Und dreihundert um die Weihnachtszeit 1920 aus Württemberg nach Palästina zurückgekehrte Templerkolonisten bedankten sich bei dem württembergischen Staatspräsidenten als dem Repräsentanten des Volkes. In diesem Schreiben wird hervorgehoben, dass man der Heimat, des deutschen Vaterlandes dankbar gedenken wolle. An dem Ergehen ihres engeren und weiteren Vaterlandes nähmen die Siedler, wie einst ihre Vorfahren, innigen Anteil. Ihr Wille sei es, dem deutschen Namen einen guten Klang zu schaffen und ihn zu erhalten. Möge das den Brüdern im Ausland zu ihrem und unserem Segen gelingen! Während in Schlesien das Land aus tausend Wunden blutet und eine Willkürherrschaft die Menschen im Innersten verstört und unglücklich macht, ist es wenigstens einem Teil der früher in Palästina tätigen Deutschen möglich geworden am Wiederaufbau ihrer Existenz zu arbeiten. Wann wird in unserer Heimat die Weiterführung des Krieges zu Ende sein? Wann wird endlich der Friede wieder in die Welt kommen?


Landungsplatz in Jaffa.
Ein Teil der deutschen Kolonie in Sarona bei Jaffa.
Beförderung von Apfelsinen an Bord der Schiffe mit Leichtern.
Transport von Orangen aus deutschen Kolonien bei Jaffa nach dem Hafen.

Palästina, Landungsplatz in Jaffa

Palästina, Landungsplatz in Jaffa

Palästina, Ein Teil der deutschen Kolonie in Sarona bei Jaffa

Palästina, Ein Teil der deutschen Kolonie in Sarona bei Jaffa

Palästina, Transport von Orangen aus deutschen Kolonien bei Jaffa nach dem Hafen

Palästina, Transport von Orangen aus deutschen Kolonien bei Jaffa nach dem Hafen

Palästina, Beförderung von Apfelsinen an Bord der Schiffe mit Leichtern

Palästina, Beförderung von Apfelsinen an Bord der Schiffe mit Leichtern