Der wendische Burgwall oder Tempelwall von Wustrow auf Fischland

Zur Baukunde - 1. Zur Baukunde der vorchristlichen Zeit
Autor: Lisch, Georg Christian Friedrich (1801 Strelitz - 1883 Schwerin) Prähistoriker, mecklenburgischer Altertumsforscher, Archivar, Konservator, Bibliothekar, Redakteur, Heraldiker und Publizist (Freimaurer), Erscheinungsjahr: 1862

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Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Darß, Fischland, Wustrow, Slawen, Ostsee, Landenge, Wenden, Heinrich der Löwe, Meeresstrand, Ostsee, Nienhagen, Binnenwasser,
Die Landenge oder Insel Wustrow oder Fischland, zwischen der Ostsee und dem Ribnitzer Binnensee oder Saaler Bodden, an den Darß grenzend, ist ein sehr merkwürdiges Ländchen, welches seit uralter Zeit zu Mecklenburg gehört hat. Das Land bildet eine schmale Landenge, welche einen ebenen, gleichmäßig hohen, festen Boden hat, welcher in den sandigen Meeresstrand der Ostsee abfällt; vom Amte Ribnitz her führt dahin eine schmale Landenge von Meeressand, so dass das Ländchen inselartig zwischen der Ostsee und dem Binnenwasser liegt. Das bebaute Land bildet ein Kirchspiel mit dem Kirchdorfe Wustrow, mit den Dörfern Althagen (mit Fulge), Nienhagen und Barnsdorf, welche offenbar jüngere deutsche Kolonien sind. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass dieses Land in altern Zeiten eine Insel bildete, indem es im Norden und Süden durch Kanäle von der Ostsee in das Binnenwasser von dem festen Lande getrennt war; dass bei Althagen gegen den Darß hin eine Durchfahrt war, ist geschichtlich bezeugt. Ob nun diese Kanäle natürliche Durchbrüche oder künstliche Anlagen waren, ist eine schwer zu beantwortende Frage, welche auch hier nicht zur Entscheidung steht.

In alten Zeiten hieß das Land immer das „Land Swante-Wustrow" oder „Swante-Wozstrowe". Dies wird z. B. schon durch sechs glaubwürdige Urkunden aus der Zeit 1313 — 1329 bewiesen, welche das Kloster zu Ribnitz aufbewahrt. Dies ist sehr merkwürdig, denn dieser Name bedeutet auf deutsch: Heilige Insel. Swante heißt in den slawischen Sprachen: heilig, und Wustrow: Insel. Es heißt z. B. böhmisch: swaty: heilig, und ostrow: Insel; polnisch: swiety, swienty: heilig, und ostrow: Insel (vgl. Kosegarten Cod. Pom., S. 69). Die heutige slawische Form swaty wird durch den wendischen Rhinismus: swanty oder swante, wie z. B. in swantewit, swantebur u. s. w., und der Vorschlag des w vor einem o (wostrow statt ostrow) ist den Wenden eben so geläufig (vgl. Jahrb. VI, S. 64). — Die Insel wird also zur wendischen Zeit durch ein besonderes Heiligtum ausgezeichnet gewesen sein.

Das Land gehörte seit alter Zeit den Landesherren. Schon vor dem Jahre 1313 war es an den Vasallen Preen verpfändet. Am 22. August 1313 während des Verfalls der landesherrlichen Linie Rostock belehnte der König Erich von Dänemark seinen Truchsess Nicolaus Olafsun mit dem „Lande Zwantwozstrowe", welches aber nicht lange in dessen Besitze blieb, da es bald darnach in dem Besitze des Ritters Martin von Huda und seiner Brüder erscheint. Dieser verkaufte das Land wieder dem Fürsten Heinrich dem Löwen von Mecklenburg, welcher es am 13. Dezember 1328 dem von ihm gestifteten S. Claren - Kloster in Ribnitz schenkte. Damit verschwindet das Ländchen auf längere Zeit aus der Geschichte.

Den Hauptpunkt des Landes bildet das große, alte Schifferdorf Wustrow mit der Pfarrkirche für das Land. Dieses Dorf liegt unmittelbar an dem Binnenwasser, an einem kleinen, in das Land einschneidenden Hafen, Parmin genannt, welcher eine gute Anfahrt für kleine Fahrzeuge bietet. Dieser Punkt ist sehr merkwürdig. Das Dorf liegt in einem weiten Halbkreise auf einer weiten, ganz ebenen, sandigen Anhöhe. Unmittelbar an dem Landungsplatze steht aber die Kirche mit dem Pfarrhofe. Und dieser Punkt ist das alte wendische Wustrow. Neben dem Hafen breitet sich nämlich eine weite, tiefe Wiese aus, und in dieser erhebt sich ein künstlich aufgetragener, großer, hoher Burgwall, welcher ganz die Bauart der großen wendischen Burgwälle hat. Mitten auf diesem Burgwalle steht die Kirche, welche aus dem 14. Jahrhundert stammt, und der übrige Raum des Burgwalles bildet den ehemaligen Kirchhof. Auch der unmittelbar daneben stehende Pfarrhof liegt noch etwas erhöhet. Hinter diesem Burgwalle, landeinwärts, hat die Vorburg gelegen, welche sich auch etwas über die Wiesenfläche erhebt. Man kann es noch deutlich, namentlich nach der Navigationsschule hin, unterscheiden, dass die Wiese den Burgwall rings umher weit umgeben hat. Die Kultur hat aber nach und nach dort, wo der Burgwall dem festen Lande am nächsten ist, die Tiefen ausgefüllt und nach dem festen Lande und dem Hafen hin Erddämme aufgeworfen. Dem Burgwalle zunächst stehen die alten Schifferhäuser, welche früher das alte Dorf bildeten. Weit umher find auf der flachen Sandebene bei der rasch wachsenden Einwohnerzahl die zahlreichen modernen Wohnungen (ungefähr 250) der wohlhabenden Schiffer aufgeführt. Es war augenblicklich nicht möglich, auf dem Burgwalle nach entscheidenden Altertümern zu suchen, da die Kirche und der Kirchhof darauf liegt; dies wird vielleicht möglich sein, wenn die beabsichtigte Vergrößerung der Kirche ausgeführt wird. Es ist aber ganz sicher, dass die Erhebung eine künstlich aufgetragene ist. Es ist möglich, dass das früher rund umher von Wasser umgebene Land die „heilige Insel" genannt ward; es ist aber viel wahrscheinlicher, dass in der heidnischen Zeit nur der von moorigen Wiesen umgebene Burgwall den Namen Swante Wustrow (Heilige Insel) führte und davon das ganze Ländchen den Namen erhielt. Die wendischen Burgwälle, namentlich diejenigen, welche in den geschichtlich beglaubigten Gauen Mecklenburgs liegen und deren Namen tragen, waren ohne Zweifel vorherrschend Residenzen und Festungen der Landesherren; aber die Tempelorte werden jedenfalls dieselbe Bauart und denselben natürlichen Schutz, also dieselbe Gestalt und Lage gehabt haben, welche die Festungsburgwälle hatten, wie z. B. der Tempelort Goderak bei Toitenwinkel (vgl. Jahrb. XXI, S. 53).

Ohne Zweifel war dieser entlegene Ort Swante Wustrow aber ein Tempelort. Wie sich aus dem Namen schließen lässt. Und diese Ansicht wird noch durch die Überlieferung unterstützt. Im Orte herrscht nämlich noch die lebendige Sage:

„Ein Riese habe mit Hilfe eines Schimmels in Einer Nacht den ganzen Berg, auf welchem die Kirche steht, zusammengefahren",

und es wird noch die Vertiefung (in der Wiesenfläche daneben landeinwärts) gezeigt, aus welcher er die Erde genommen haben soll. Dieser Riese mit dem Schimmel ist nun sicher kein anderer, als der wendische große Gott Swantevit, welcher auf Swante-Wustrow an der Stelle der Kirche verehrt ward. Mit dieser Sage stimmt die Nachricht des Saxo Grammaticus über die nahen Rügianer überein (vgl. J. Grimm Deutsche Mythologie, zweite Ausgabe, 1844, S. 627):

„Die Gottheit der Rügianer hatte ein besonderes Pferd von weißer Farbe. Auf diesem Pferde führte, so glaubte man, der Gott Svantovitus gegen die Feinde seines Heiligtums Krieg, indem es zur Nachtzeit ausgelitten und des Morgens mit Schweiß und Staub bedeckt gesehen ward."

Die Kirche zu Wustrow war aber nicht, wie zu vermuten stand, dem H. Veit oder „Sante Vit", sondern dem H. Jodocus geweiht, wie dies durch eine Urkunde des Königs Albrecht von Schweden vom Jahre 1385 und durch das Visitations-Protokoll vom Jahre 1577 bezeugt wird. Und der H. Jodocus passt auch zu der Lage und der Beschaffenheit, wenn auch nicht zu der Geschichte des Landes. Der H. Jodocus war König der Bretagne, ward aber Mönch, zog sich in die Einsamkeit zurück und übte hier eine ungemessene Mildtätigkeit. Als einmal Alles weggegeben war und der Hungertod drohte, brachte ein Schiff auf dem Strome eine reiche Ladung Brot. Jodocus hielt sich, und diese Legende wird viel erzählt, zwölf Hühner und einen Hahn; ein Adler raubte ihm die zwölf Hühner; als er ihm aber auch den Hahn rauben wollte, legt er vor dem Zeichen des Kreuzes, welches Jodocus macht, diesem den Hahn vor die Füße und stirbt (vgl. Tilesius von Tilenau Die hölzerne Kapelle des H. Jodocus zu Mühlhausen in Thüringen, Leipzig, 1850).

Das Kirchdorf und davon das Land hieß seit dem l4. Jahrhundert „Swante-Wustrow oder Wustrow. Das Land behielt lange den Namen Wustrow. Seit dem 16. Jahrhundert führte der Ort oft den Namen „Kirchdorf". Jetzt heißt das Dorf Wustrow und das Land Fischland,

Lisch, Georg Christian Friedrich (1801-1883) mecklenburgischer, Archivar, Altertumsforscher, Bibliothekar, Redakteur, Publizist

Lisch, Georg Christian Friedrich (1801-1883) mecklenburgischer, Archivar, Altertumsforscher, Bibliothekar, Redakteur, Publizist

Heinrich der Löwe - aus Simrock:

Heinrich der Löwe - aus Simrock: "Die deutschen Volksbücher" 1845

Wustrow, historisches Hochdielenhaus,

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Wustrow, Kirche

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Wustrow, Zeesenboot

Wustrow, Zeesenboot